Der Preis des Dazugehörens

Marille Grünblatt hat einen schönen Text veröffentlicht, der mich berührt hat:

Wanderratgeber | Der Hase im Apfelbaum

Das löst bei mir grad was aus… Einen Mecker- und Motzanfall.

Als kleines Kind war ich in gewisser Weise wie der glückliche Prinz von Oscar Wilde. Ein einsames, aber mit sich und den Eltern zufriedenes Einzelkind, das keine Ahnung hatte, was in der Welt vor sich geht.
Als die Schule begann, wurde das schlagartig anders. Es begann die schlimmste Zeit meines Lebes: viele unglückliche Jahres des Aussenseitertums und des Dringend Dazugehören Wollens.
Es ist mir bis heute nicht wirklich gelungen. Inzwischen bin ich froh darüber. Aus tiefsten Herzen bin ich dankbar, dass ich es nie geschafft habe, ’normal‘ zu sein und dazu zu gehören.
Als Mädchen und junge Frau war ich verzweifelt.

Wenn ich heute darüber nachdenke, wieviel Zeit und Kraft (und Taschengeld) ich z.B. dafür verschwendet habe, irnzwelche Bänds anzuhimmeln, Platten und grässliche Magazine zu kaufen, MTV zu gucken —
Eigentlich wär ich gerne Punk gewesen, aber das hab ich mich getraut. Weil ich fand, ich wär zu fett für enge Lederhosen.
Ich war bisschen fett – das lag daran, dass ich meinen seelischen Hunger auch mit Chips und knallbunten Süßigkeiten zu stillen versuchte. Was Kindern an ungesunder (sorry) Scheiße verkauft wird, das ist WIDERLICH.
Aber folgerichtig. Dauert nicht lang, dann verdient die Pharmaindustrie an uns.

Die spirituelle Leere, in der unsere Zivilisation uns aufwachsen lässt, dürfen wir mit Konsum füllen.
Ja, wir leben im goldenen Westen, in der Freiheit! Wir sind frei zu wählen, ob wir Microsoft oder Apple wollen. Nestlé oder Danone. Coke oder Pepsie.
Wenn wir sind, wie die andern, wie die Reklame-Kids, dann haben wirs geschafft, und wenn wir dann immer noch nicht zufrieden und glücklich sind, dann stimmt was nicht mit uns. Dann sind wir nicht normal und selber schuld. Ham halt noch nicht das richtige Produkt gekauft. Noch nicht das richtige Fitnesstudio gefunden.
So hängen wir als Energiequellen fest in der Matrix.

Ich wünsche allen Kindern und jungen Menschen jemanden, der oder die ihnen andere Werte vermittelt und schon früh einen andern Weg zeigt.
Wir alle haben es verdient, unsere Zeit und Kraft für Heilsames und Schönes zu verwenden. (Marille Grünblatt z.B. hat dazu diesen schönen Wanderratgeber gepostet.)
Mir ist noch ein (holpriges) Lied eingefallen, dass ich zum „Roten Fest“ geschrieben habe – das war ein spirituelles Fest zum Übergang vom Mädchen (der Weißen) zur erwachsenen Frau (der Roten).

Das Lied war inspiriert von „Lonesome Robin“ (s.u.), lässt sich zu der Melodie singen und geht so:

Brich auf, es geht ins Rote Land
Nimm deinen Bogen noch einmal in die Hand
Dein einsames Jagen ist nun vorbei
Zerschlissen ist dein weißes Kleid
Wo immer dein Pfeil den Boden erreicht
wächst deine neue Zeit:
die Rote
Komm heim, Jungfrau, komm heim!
Du bist nicht länger vogelfrei.

Als kleines Mädchen warst du
eine Prinzessin, Piratin dazu.
Du wusstest genau, wann ein Zauber passiert
doch hast du die Worte nie gelernt
die das sagen könnten, was du gewusst.
Und dann hast du in die Schule gemusst.
Ach Kleine!
Vorbei, Jungfrau, vorbei.
Du bist nicht länger vogelfrei.

Gefangen warst du lange Zeit
bis in deine Träume warn die Gitter gereiht
Fast wärst du nicht mehr ins Leben erwacht
so ham sie dich irre gemacht.
Jetzt sprenge die Wände, sie halten dich nicht
und in den Trümmern finde dich:
Die Rote!
Es sei, Jungfrau, es sei!
Du bist nicht länger vogelfrei.



Hier die Lyrics zu „Lonesome Robin“.
Und hier eine schöne Version von einem Herrn Barry Moore (aka Luka Bloom)

edit:
Das passt auch noch wunderbar dazu:
http://zenpencils.com/comic/kalam/
(Die Zen-Pencils hab ich durch Frau Koriander gefunden.)

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8 Kommentare

    1. Ich glaub, das war so ungefähr mit 16-17 Jahren. Ich müsste dazu meine Tagebücher angucken (die sind grad vergraben aufm Dachboden). Da fing das langsam an, das hat immer noch viele Jahre gedauert, bis ich glücklicher mit dem Nicht-Dazu-Gehören war. Ein Erweckungserlebnis waren Bücher von R. A. Wilson. Also, da hab ich mir mein erstes Tarotdeck gekauft und mich mit Zen-Buddhusmus beschäftigt.

      Ich mein, der Weg der Anpassung war mir eh immer versperrt (ich war immer bisschen anders, dazu null Selbstbewusstsein und Ängste), aber es kam dann halt der Zeitpunkt, seit dem ich immer bewusster den Anderen Weg (also, meinen Weg) gehe.

      Wie wars (bzw. ist es) bei dir?

      🙂

      Gefällt 1 Person

  1. Ich glaube so richtig angefreundet mit dem Gedanken, dass ich nicht mehr versuchen sollte, dazuzugehören (stattdessen viel lieber die verlorenen Puzzleteile wiederfinden möchte, bevor ich weg bin), habe ich mich erst auf der Uni. Geholfen hat dabei sicherlich der Kontaktabbruch zu allen Schulkollegen – das minimiert die Gefahr, um des Gefallens in gewohnte Verhaltensmuster zu fallen ein gutes Stück. Es lag ja hauptsächlich daran, dass ich mich in dem Umfeld nicht getraut habe, ich zu sein, das nahm richtig absurde Auswüchse an.

    So richtig gespürt, dass es nicht nur okay ist, sondern dass ich auch gut so bin, wie ich bin und dass ich wieder ein Stück mehr zu „mir“ geworden bin, habe ich erst vor kurzem. Das war… ein unglaublich befreiender Moment! 🙂

    Gefällt 3 Personen

    1. Ohja, das ist ein schöner Moment, wenn wir merken, dass wir selber ganz wer anders sind als die, die wir sein zu müssen gelaubt haben.
      (Weia, Deutsch. Ist der Satz da ^ verständlich, sinnvoll und vor allem: grammatikalisch korrekt? Bin nicht sicher… :P)

      Wir müssen ja auch nicht Totalverweigerer und Völlig-Aussteiger sein. Das war ein befreiender Moment für mich, als ich begriffen hab, dass ich durchaus reichlich ’normale‘ Eigenschaften und Wünsche habe und damit nicht mein Selbst verrate. Ich hab mich als Spätpuhbärtina viel zu lange durch Verweigerung und Abgrenzung definiert. Auch ne große Energieverschwendung.

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      1. Um Totalausstieg ging es mir auch nicht – einfach um die Erkenntnis, dass das wahre „ich“ mit diesem Lauf im Hamsterrad der Anpassung nicht zusammenhängen muss. In meinem Fall auch nicht tut. Es ist für mich unglaublich spannend (und mühsam und anstrengend, etc.), herauszufinden, wer da unter meinem Namen und mit meinem Gesicht herumläuft. Manchmal erschreckt es mich, annehmen zu müssen, dass ich gar nicht so bin, wie ich mich in langen anpassungsgeprägten Jahren erdachte. Aber dann wiederum freue ich mich, die Bestätigung zu finden, dass ich tatsächlich ein Stück weit die bin, die ich als Kind schon gesehen habe. (oh je, klingt das sehr konfus, oder versteht man den Sinn?)

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        1. Das mit dem Totalausstieg, das war wohl hauptsächlich an mich selber gerichtet. 🙂

          Ich verstehe, was du schreibst, denk ich.
          Z.B. hatte ich auf dem Weg in meine Mitte mal die wundervolle Erkenntnis, dass ich ziemlich die geworden bin, die ich als Kind und Puhbärtina immer hab sein wollen bzw. cool fand.
          Und du merkst vielleicht (meine Interpretation jetzt), dass du die bist, die du sein willst und wolltest, die aber die dich umgebende Normalität nicht haben will. Bzw. einfach nicht auf der Rechnung hat. Sich nicht vorstellen kann. Müssen wir uns halt selber vorstellen.

          Oje, DAS ist jetzt konfus… X)

          Sicher ist wohl, dass das wieder Zusammensammeln unserer verschollenen Teile, das Heimkommen, das Finden der MItte unseres eigenen Wegs etwas Wundervolles ist. Schmerzhaft, vielleicht anstrengend, ich selber hab auch so viel Angst zu überwinden, immer wieder (und ich vermute, andern geht es da ähnlich), und dann ist es so lohnend, spannend und aufregend auch.

          Und dabei sind solche Wanderratgeber, wie du ihn geschrieben hast, sehr hilfreich, find ich.

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          1. Ich danke Dir! 🙂
            Haha, ich denke, ich verstehe, was Du meinst und gehe damit konform. Ich nähere mich tatsächlich der an, die ich zwar vage in mir gespürt, aber nie gelebt habe. Auch der die ich sein wollte. Zum Beispiel „wusste“ ich immer, dass ich Musik machen muss und will und dass Musik ein Teil von mir ist. Ich habe mich aber nie getraut, das auch real zu wollen, da kamen dann Kommentare wie: „auf Dich hat doch niemand gewartet“, „da hättest Du mit 5 Jahren anfangen sollen“, „zu alt“, „im nächsten Leben dann“, usw. Als ich dann (voller Angst, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben) den Mut fasste, mich zu überwinden, einen Lehrer zu suchen, anzurufen (!!), vorzuspielen und ernsthaft damit anzufangen, war es, als hielte ich plötzlich so ein goldenes Puzzlestück in den Händen 🙂
            (übrigens: Puhbärtina ist ein herrliches Wort!)

            Gefällt 2 Personen

            1. Ich hab mal (in einem Astrologiebuch, aber das ist eigentlich wurst) einen Satz gelesen, der mich mitten ins Herz getroffen hat, der geht sinngemäß so:
              „Sie werden niemals genügend Zustimmung von anderen erhalten, um die Erlaubnis zu haben, Sie selbst zu sein.“

              Diese Erlaubnis muss ich mir immer wieder neu erteilen, und je öfter ich das tu, desto mehr kommen die goldenen Puzzlestücke zusammen — schönes Bild! — und dann bekomme ich immer noch keine Erlaubnis von anderen, stattdessen immer mehr positives Feedback. Und so wächst der Mut…

              Das Wort „Puhbärtät“ hab ich mal irgendwo gefunden, das ist nicht von mir, leider. Ich finds auch wundervoll 😀

              Gefällt 1 Person

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