Was tun mit der Wut

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“
Chinesischer Fluch

Ich bin gebügelt von den Nachrichten, die mein Gefährte bei gmx vorfindet und mir weitererzählt, von brennenden Flüchtlingsheimen. Von dem Bus voller Flüchtlinge, der von verbrecherischen Volksverhetzern aufgehalten wurde, wo die Polizei zuschaut und schließlich verängstigte Kinder im Schwitzkasten rauszieht, und dann erzählt, die seien ja selber schuld, sie hätten sich gewehrt. (Wahrscheinlich haben Focus, Bild, Welt etc. aufregendere Artikel, hier was dazu von der ruhigeren FAZ. Reicht mir.)

Ich bin angewidert, ich bin den Tränen nahe, ich könnte kotzen, ich könnte Sachen durch die Wohnung schmeißen und schreien, ich könnte auf die Straße rennen und dem nächsten armen Typen, der auch nur vage aussieht wie Söder oder Seehofer eins in die Fresse haun-
Ich will das nicht. Ich kenne diese hilflose, verzweifelte Wut von früher. Ich will das nicht mehr.
Mein Gefährte und ich, wir versuchen, uns zu beruhigen. Wir versuchen, uns nicht selber zu hassen, weil es uns so gut geht. Wir leben im Überfluss und haben sogar von den allerrechtesten Geistesgestörten nichts zu fürchten, weil wir beide blaue Augen haben und besser deutsch können als die meisten unserer stolzdeutschen MitbürgerInnen. Ich will mich deswegen nicht schuldig fühlen!

Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Ich will umweltfreundlich leben, ich will aus dem Konsumterror raus. Ich will den nicht um mich rum haben. Ich will auch keine wahnsinnigen, gewalttätigen, rechten Bürger-Terroristen um mich rum haben. Ich will nie mehr volksverhetzende Scheiße von irznwelchen AfD Leuten hören oder lesen.

Und ich will auch nicht so wütend werden, dass ich irnzwann mit der Axt um die Häuser renne und meinen Teil zur Gewaltspirale beitrage.
Niemandem ist geholfen, nichts ist besser geworden, wenn es mir schlecht geht oder wenn ich selber zur Brandstifterin werde, auch wenns – meiner Meinung nach – ‚die Richtigen‘ treffen würde.

Ich sag mir, das wird dieses Jahr noch viel schlimmer werden. Es war immer immer schlimm auf der Welt, so ca. seit 8000 Jahren. Nur, es kommt uns immer näher. Vordem war das halt früher oder woanders. Jetzt kommt es immer näher, die Ausbeutung, die ausgelebte Nazimentalität.

Ich bin sicher: Unsere interessanten Zeiten sind eine Zeit der Entscheidung. Wir müssen uns offen bekennen, wir müssen konsequent handeln. Wir müssen uns für eine Seite entscheiden.

Und das erst mal so Verwirrende dabei: Es stellt sich nicht die Frage nach ‚links‘ oder ‚rechts‘. Es stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln wir kämpfen wollen, und an welcher Front.

Denn die Mittel heiligen den Zweck.

Und das bedeutet für mich: Klar geh ich auf ne Demo, wenn es sich fügt. Klar unterzeichne ich Petitionen und spende kleine Beträge für wichtige Zwecke, wenn Avaaz, Campact, SumOfUs, Walkfree, We Move, Sea Shepherd etc. darum bitten. Klar verteilen wir Anti-TTIP-Türanhänger in der Nachbarschaft.

Und vor allem gebe ich meinen hilflosen Zorn ab. Ich will den nicht. Ich gebe meinen Zorn und meine Wut der Erde, KALI, TARA ~ sie weiß, was damit zu tun ist. Das ist nicht meine Entscheidung, ich habe kein Recht auf Vergeltung, Sühne, Gerechtigkeit. Das liegt nicht in meiner Hand. Ich hab mit mir selber genug zu tun: Heil sein, in meine Mitte finden. Nur wenn ich dort bin, kann ich heilsam wirken, und das maße ich mir ja an: Ich will heilsam wirken.

Wie das geht, das muss ich lernen. Üben. Ausüben. Das ist jetzt gefragt, wir alle sind gefragt. Und ich vertraue darauf, dass die Menschen Frieden wollen und heilsames Sein verwirklichen. Ich hoffe nicht, und ich warte nicht – ich VERTRAUE darauf, weil ich sehe, dass viele andere Menschen so fühlen, sich entscheiden, dementsprechend handeln. Hier wächst z.B. etwas auf dem Boden von Foodsharing: YUNITY

Es gibt viele Menschen, von denen ich lernen kann – und ich will mich vernetzen. Ein Schritt nach dem anderen.
„Nach innen spirituell, nach außen politisch“ hat Heide Göttner-Abendroth gesagt.

 
edit:
Das ist ja nicht das erste Mal, dass mich dieses Thema umtreibt. Ein schönes Zitat dazu, das mir grad gut tut, findet sich hier: Jenseits von Bekämpfen oder Mitmachen.

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6 Kommentare

  1. Unsere Ängste, unserem Wut, unserer Community-orientiertes Motivation und vor allem, unsere Entschlossenheit etwas unternehmen zu müssen … in dieser Sachen sind wir unsere ‚Gegner‘ nicht so unterschiedlich, wie wir es vielleicht glauben wollen wurden. Das ist Segen und Fluch, denn es erinnert uns daran daß wir sind auch mit den Menschen verbunden, die wir mit nichts zu tun haben möchten (noch ein Zusammenhang) – und es zeigt uns ganz deutlich daß wenn wir ständig unter einander kämpfen, verlieren wir alle.

    Wir sollen uns mehr auf den Krankheiten konzentrieren und nicht auf den Symptomen … dazu brauchen wir Politiker, die uns uns alle ernst nehmen und richtig führen wollen, statt nur politische Interessen zu folgen und beschützen. Im Moment ist hier alles so polarisiert, daß man nichts machen kann … wir alle, aus Angst oder Frust, wollen etwas runter brennen sehen. Da ist kein Haus der Richtiger – sowas ist nur ein Symbol für die Dinge, die wir dem Gefühl haben, nichts heilen zu können.

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    1. Auf irgendwelche Politiker gewartet und gehofft haben meine Eltern. Ich bin schon als Kind irre geworden, wenn die Erwachsenen am Tisch über Politik geredet haben – meine Famlile war immer politisch sehr interessiert und aktiv, waren öfter auch mal Bundestags-Abgeordnete dabei – also, es wurde palavert und recht gehabt, und die Missstände wurden aufgezeigt und das Versagen der Politik und einzelner Politiker wurde erklärt, und ich hab mich immer gefragt, wenn ich gehört habe, was alles schlimm ist, was bitte TUN wir denn dagegen? Was MACHEN wir?

      Laber laber und dann richtig wählen gehn… das ist alles?

      So wie ich das sehe brauchen wir keine Politiker, und vor allem bin ich es LEID, mich auf die Krankheiten zu konzentrieren. Das haben meine Eltern und deren Leute gemacht.

      Wir brauchen MENSCHEN, die sich aufs Heilsame konzentrieren und denen vormachen, die noch im Irrsinn verstrickt sind. Und wenn unter diesen heilsam Wirkenden Politiker sind, fein. Wenn unter ihnen Konzernschefs sind: um so besser. Und was mich angeht: ich kümmer mich um die Person über die ich Macht und Einfluss habe: mich selber.

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      1. „Wir brauchen MENSCHEN, die sich aufs Heilsame konzentrieren und denen vormachen, die noch im Irrsinn verstrickt sind. Und wenn unter diesen heilsam Wirkenden Politiker sind, fein. Wenn unter ihnen Konzernschefs sind: um so besser. Und was mich angeht: ich kümmer mich um die Perso,n über die ich Macht und Einfluss habe: mich selber.“ Da hast du dir die Antwort ja schon selbst gegeben 🙂 Sehe ich auch so.
        Ich muss auch gut auf mich achtgeben, weil ich selbst dazu neige, schnell zu hassen. Mir hilft dann der buddhistische Gedanke, dass die Menschen das was sie tun, deshalb tun, weil sie glauben, (nur) so glücklich zu werden. Denn jeder will glücklich werden und wehrt sich wenn er sich darin bedroht fühlt. Dann sind es nicht mehr meine Feinde, sondern eigentlich wollen wir alle das gleiche: glücklich werden. Nur sind die Methoden und Ziele nicht dieselben. Und es heißt nicht dass es plötzlich alles gut ist – aber ich selbst bin nicht mehr so im Hass gefangen und kann loslassen und Kopf und Hände frei bekommen für das was konstruktiv ist. LG Luna.

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        1. Das bekomme ich meist auch besser hin als gestern. Manchmal brichts über mich rein, und dann – muss ich auch sagen – find ichs auch angemessen, deutlich die Dinge beim Namen zu nennen.

          Unds stimmt natürlich was du schreibst.
          Der Zorn, der Hass, der sich entlädt, der nährt sich aus seelischem Hunger. Wir sind betrogen und belogen worden, seit vielen vielen Generationen. So viele haben alles ‚richtig‘ gemacht, brav zur Schule, den Eltern gehorcht, der Kirche, brav konsumiert, gespart, sich versichert, gekauft, weggeschmissen, gekauft gekauft gekauft – und trotzdem nie glücklich, immer hungrig. Irgendwer muss Schuld sein… irgendwer muss den Hass und die Traurigkeit und den Hunger jetzt ausbaden!

          Nee, da will ich nicht mitmachen.

          Ich glaub, das wird noch ein Blogpost, demnächst. X)

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