Das Loch der Verzweiflung

Um 6:45 geht hier wochentags der Wecker – erst mal nicht für mich, sondern für meinen Gefährten.
Heute morgen hab ich was Interessantes erlebt. Ich lag im Dusel, wusste, dass ich auch bald für die Schule aufstehen muss, hörte draußen die Vögel, die Geräusche, wenn es Tag wird, und da ging es plötzlich auf: Das Loch der Verzweiflung.

Keine Brust-zerkratz-Haare-ausreiß-Verzweiflung, sondern dieses subtile, sanfte Grauen, das ich von unzähligen Morgen kenne, an denen ich zur Schule musste oder in die Arbeit. Dieses ich maaaag nicht, dieses Alles ist öde und hoffnungslos und sinnlos. Alles.
Das Gefühl ist sanft, unaufgeregt, seltsam erträglich und allumfassend existentiell.

Ich bin sicher, dass viele dieses Gefühl sehr gut kennen. Es war lange Zeit meines Lebens absolut normal. Du stehst halt trotzdem auf, und über den Tag vergisst du’s, auch wenns natürlich weiter wirkt, und am nächsten Morgen ist es wieder da. Und du stehst auf – repeat and fade.

Heute morgen ~
Ich glaube, ich hab das noch nie so deutlich gespürt wie heute Morgen, wo genau im Körper dieses Gefühl bei mir sitzt. Um den Bauchnabel rum, mehr Richtung Sonnengeflecht. Es ist wie ein Loch, das aufgeht und durch das Energie abfließt.

Und ich habe bemerkt, wie ich dem Gefühl gefolgt bin, wie ich mehr und mehr Energie durch das Loch hab fließen lassen. Weils normal ist. Weils immer so ist, weil das Loch unter allem liegt. Ich kenne es so gut, seit so vielen vielen VIELEN Jahren. Weil die Welt sinnlos und trostlos ist. Gleich da draußen jenseits des Fensters eine Zivilisation, die alles umfasst und in der ich gefangen bin, der ich ausgeliefert bin-

Ja genau.
Netter Versuch.

Ich bin nicht ganz sicher, wie und warum ich heute morgen zum ersten Mal im Leben das Loch gleich wieder zugemacht habe.

Ich glaube, es ist ne Kombination aus mehreren Faktoren:

  1. Sehr wichtig: Ich habs gemerkt, als das Loch aufging, ich hab gespürt, wie die Energie abfließt. Früher war das einfach normal und ich habe mich dem Loch als gegeben ausgeliefert. Wär gar nicht auf die Idee gekommen, die Wahrheit des Gefühls in Frage zu stellen.
     
  2. Ich hab keinen Grund, nicht aufstehen zu wollen. Es ist schön hier, auch bei trüben Wetter; die Schule ist oft super und immer auszuhalten. Mein Leben ist tatsächlich viel besser als früher, als ich mich mehr in unheilsamen Strukturen verstrickt hatte als jetzt.
    (Warum und wie das gekommen ist, das wär auch mal interessant zu beleuchten.)
    Das habe ich mir heute morgen klar gemacht, und dadurch wurde das Loch etwas kleiner. Es ging allerdings – interessant! – nicht zu. Es floss weiterhin Energie ab und die Welt kam mir zwar nicht mehr so unerträglich, aber weiterhin sinnlos und traurig vor.
     
  3. Und dann hab ich NEIN gesagt. Ich hab keine Gründe mehr gesucht, keine Erklärungen, keine Selbst-Motivationen, keinen Trost –  Ich habe einfach nur keinen BOCK mehr gehabt, meine Energie abfließen zu lassen.
    Ich bin davon überzeugt, dass ich mit deprimierter Hoffnungslosigkeit die kollektive Trance füttere, und dazu bin ich nicht mehr bereit. Schluss mit Wurst! Mein Bauch gehört mir. Das ist meine Energie PUNKT.
    Da ging das Loch zu.

Einige Zeit später, in der Straßenbahn, musste ich angesichts absurder Reklame in generischen Hochglanzschaufenstern öfters kichern. Und da fiel mir auf, wie oft ich auch da Energie durch das Loch hab fließen lassen.
Unglücklich und hoffnungslos habe ich durch die Straßenbahnfenster auf den Kommerz und die verlorenen Menschen darin gestarrt und gedacht, die Welt ist nicht mehr zu retten.
Achwas, Unfug und Humbug! Ich bin kein Teil des absurden Theaters. Wenn diese Welt da nicht mehr zu retten ist, um so besser!

Tja, und heute waren die Leute auffallend nett und feundlich zu mir.

Das Loch bleibt zu!

 

 

edit 18. 6. 16
Ich seh grad: dieses Loch hab ich schon mal beschrieben, als Tentakel der Realität.

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19 Kommentare

  1. Ich hab gehört, dass zu einer bestimmten frühen Uhrzeit (leider vergessen) ein bestimmtes Hormon ausgeschüttet wird, dass Depression unterstützt. Das hat mir jemand mit Ahnung (Wissenschaftler) gesagt, nachdem ich festgestellt habe, dass ich depressive Schübe bekomme, wenn ich zu früh aufstehe. (Alles wiederholt regelmäßig wahrnehmbar; seitdem stehe ich nicht mehr früh auf.)

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    1. Was mir wiederum erklärt, warum ‚früh aufstehen‘ für viele ein Muss ist, ohne dass es notwendig wäre. Schulkinder z.B.
      Auch für die Einführung der Sommerzeit gibt es keine heilsamen Gründe.

      Und außerdem ist ‚früh aufstehen‘ ein Wert an sich, den wir verinnerlicht haben. Wer früh aufsteht, ist fleißig und ‚gut‘, und wers nicht tut, ist faul. Das ‚wissen‘ wir.

      Ja genau.

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      1. Dabei gibt es weniger natürliche Frühaufsteher, trotzdem werden alle gegängelt, und von Bestleistungen abgehalten. Gesund kann das auch nicht sein. Schließlich haben wir inzwischen Strom, und sind nicht mehr auf das Tageslicht angewiesen.
        (Eigentlich wollte ich das bei der Frage „Was würdest du ändern?“ antworten, aber ich hatte es da gerade vergessen.)

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          1. Ach, die Sommerzeit ist gar nicht das Problem – die ist nur einen Monat zu lang. Das Problem ist die Terrorherrschaft der Lerchen, der Zwang sein Leben falschen Zeiten anzupassen, was Energie verschwendet, die anders besser untergebracht wäre.
            Können die paar Lerchen sich ihre Würmer nicht alleine suchen?!! zeter!! Warum brauchen sie dabei Gesellschaft?
            Also ändere bitte großzügig die Gleitzeitregelung in Gesellschaft, Schule und Arbeit, Eure Majestät. Ich werde dich dann jeden Abend loben. 😀

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            1. Lerchenzusammenrottungen werden als erstes verboten.
              Und abendliches Loben der Königin wird dann sowieso zur PFLICHT für alle.

              Und das muss ich mir dann anhören, und dann kommse alle mit Petitionen und Wünschen… Ich habs mir grad anders überlegt. Ich werd doch nicht Königin, sorry. 😛
              Wir finden ne bessere Lösung. 😀

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  2. eine tolle erfahrung!

    so ähnliche sachen erlebe ich auch am meisten morgens, wenn ich zeit habe wahrzunehmen und zu fühlen, wie ich gerade da bin. das ist meistens auch nicht energiespendend. 😉 und da ‚mache‘ ich auch ganz oft ‚heilungs‘-erfahrungen. das wie finde ich immer schwer darzustellen, weils auch viel mit ’sein‘ zu tun hat und weniger mit ‚tun‘.

    ich finde das spannend, dass du mit diesem ’nein‘ erfolge hast. ich nehme an, dass deine haltung hinter diesem ’nein‘ von großer bedeutung ist. also, auf welche art du es dir sagst, mit welchem gefühl usw.. du hast es versucht ein wenig zu beschreiben.

    als ich dieses ’nein‘ ausprobierte, fühlte ich immer alte muster von selbstablehnung und der vorstellung, so wie ich bin falsch zu sein, darin schwingen. deshalb half das nicht.
    ich stehe aber auch immer so ein bisschen außerhalb von mir, wenn ich solche dinge wahrnehme, wie du sie beschreibst. mir hilft, dann immer erst einmal das ‚ja‘ zu finden, um es überhaupt als zu mir dazugehörig zu erleben und erst von dort, kann ich in etwas neues lenken.

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    1. Das NEIN ist ne wörtliche Anleitung aus meinem I Ging Buch (ich bin grad an einem Artikel dazu und verzettel mich dabei immer mehr…)

      Ich fahr ganz gut damit, allerdings nur, wenn ich das NEIN auch wirklich spüre. Es richtet sich oft gegen etwas ‚von außen‘ und ist dann wie ein Schutz, der sich um mich legt.
      Manchmal auch richtet es sich an etwas in mir, das ich nicht mehr haben will. Ich habe dabei das Gefühl, ich zerstöre etwas, das nicht wirklich meins ist, sondern ein Virus, und das NEIN ruft mein Immunsystem auf den Plan.

      Oh, das ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Du hast das sehr schön gesagt, finde ich, dass es mehr ein SEIN statt ein Tun ist.

      Das NEIN funktioniert vielleicht deswegen gut bei mir, weil ich tief in mir ne strenge und auch kämpferische Neigung habe (vgl. die alte Hohepriesterin…)

      Was du da zum JA beschreibst, das leuchtet mir auch unmittelbar ein, und ich stelle fest: Wie immer gibt es kein Patentrezept. Ja, leuchtet mir sofort ein, dass bei dir ein JA viel heilsamer wirkt.

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    1. Ja, inzwischen, öfters. Da musste ich auch erst mal hinkommen, und es klappt auch nicht immer. Manchmal ist meine alte Hohepriesterin ENTRÜSTET und zetert nur hilflos rum.

      Was Sophie0816 beschreibt kann ich auch nachvollziehen – dass ein inneres Nein sich auch wie ein – wenn ich das richtig verstanden habe – wie ein Abwerten des Selbst anfühlen kann, „stell dich nicht so an“, „das ist doch gar nicht so wild, du bist halt gestört“, – so etwa.

      Das hab ich z.B. lang gemacht, als ich den jungen Typen verknallt war „bis selber schuld, was verliebst du Omi dich auch in den Knaben, hör halt auf damit“ – als ob das ginge.

      Geholfen hätte/hat das wirkliche innere NEIN – „ich sage NEIN dazu, dass er die Bedingungen diktiert, ich sage NEIN zu seinem respektlosen Verhalten mir gegenüber, und ich sage NEIN zu meinem Einlassen auf diese Bedingungen“.

      Das war grad Brainstorm Schwafelanfall. X)
      Ich sag JA zu meinen Schwafelanfällen. Hehe.

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        1. Ich finde, du hast den Punkt genau getroffen.
          Gefühle können nicht verneint werden.
          Unsere Einstellung ihnen gegenüber und unser Verhalten und Reagieren können wir ändern/abstellen.

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          1. Die Frage ist trotzdem, welches Verhalten falsch ist. Und nach welchen Maßstäben das beurteilt wird. Da fließt soviel rein.
            Du siehst dein Nein als Ursprung des richtigen Weges, vielleicht brauchtest du aber viel wichtiger die gute Erfahrung, um stärker zu werden.
            Für mich ist Intuition der richtige (für mich, ne) Wegweiser und das Lesen der Zeichen – wenn ich mich schlecht fühle, interpretiere ich das entsprechend.
            Deshalb denke ich, die jetzige Stärke deines Neins könnte woanders herkommen. (Aber ich weiß es natürlich nicht.)

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            1. Das muss ich jetzt erst mal im Herzen bewegen, weil ichs nicht ganz verstehe. Natürlich habe ich trotzdem sofort ne Antwort 😛

              Die Maßstäbe, die ich (immer konsequenter) anlege, sind durch Gefühl gesteuert. „Falsch“ kann ich deutlich spüren. Und was dann damit machen? Verdrängen? Nicht heilsam. Ändern? Geht nicht. Also erst mal Sein Lassen und was anderes machen (Verhalten).

              Eya… sehe ich mein NEIN als Ursprung des richtigen Weges?
              Glaub ich gar nicht. Ich nehms als Werkzeug, würd ich sagen. Ist ja auch nur in manchen Momenten notwendig.

              Jooo… so weit ich dich verstehe, stimme ich dir auch jetzt wieder zu. Intuition (‚gesunder Menschenverstand’… ‚Gewissen‘ ist auch ein sehr schönes Wort dafür, find ich – also, dieses Wissen, das ein Spüren ist) ist der Wegweiser, und gute Erfahrungen lassen mich lernen und verinnerlichen, dass ich gut daran tue, meiner Intuition zu folgen. Sie geben mir mehr Vertrauen, mehr Mut und mehr Kraft. Auch mehr Kraft für das Werkzeug NEIN.

              Und – ich schreib hier viel von dem, was gut läuft. Und dann hab ich pötzlich ‚ohne Grund‘ wieder Frust und Elend – davon schreib ich hier nur sehr selten… Gestern wieder. Keine Lebensfreude. Öde und Müdigkeit.
              Schließlich hab ich mich an meine eigenen Ratschläge erinnert und einfach um Hilfe gebeten. Hat tatsächlich gleich das Elend gelindert. Das ist ein guter Anfang.

              Hach, das ist spannend, danke für den Input!

              Auch noch mal an Sophie, falls die das hier noch liest.

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              1. Individuelle Wege halt. Und Worte.
                (Gesunder Menschenverstand ist für mich so sinnig und prickelnd wie Stammtischdemokratie. Gewissen ist zu Ratio für mich, zu wertend.)
                „Wissen, das ein Spüren ist“ gefällt mir.
                Was die Macht hat, zum Guten zu verändern, verdient auf jeden Fall kein hartes Nein.

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