Aggression

Ich wollt was über Fülle und Mangelmuster schreiben. Das ist draus geworden.
Es ist wohl eher Tagebuch. Es will raus. Also raus damit.

Eben war ich im Drogeriemarkt, und schon beim Reingehen hörte ich das Kind schreien. Es schrie und kreischte und wurde immer schriller dabei. Alle im Laden waren bis ins Mark genervt davon. Als ich – nach ca. 10 Minuten Dauergekreisch – merkte, dass ich zittere, bin ich dem Geschrei nachgegangen, um meine Vermutung bestätigt zu finden. Ein kleiner Junge (tränenlos), der vorm Regal eine Packung festhielt. Dabei eine hilflose Mutter, die zu mir sagte „Spielzeug“.
Puh.
Wenn ich gedurft hätte, ich hätts kopfüber unter den Arm gepackt und aus dem Laden getragen. Wirklich. Wahrscheinlich wär ich dabei noch lauter geworden als das Kind. Und das will was heißen. Und ich wär grob gewesen, wenns hätte sein müssen (manchmal zappeln die), und ich hätts heimgeschleppt und irgendwo eingesperrt, wo es nichts kaputt machen kann (das tun die), bis es sich beruhigt.
O wow.

Darum habe ich keine Kinder, ich weiß, dass ich so bin. Ich bin brutal fies streng, und so ein Gebrüll und Gekreische bringt nem Kid gar nichts bei mir, außer richtig richtig Ärger, solange ich körperlich stärker bin als das Blag. (Nee, ich würds nicht schlagen. Ich würds wohin verfrachten, wo es toben kann, ohne mir auf den Sack zu gehen.)

Nu wars nicht meins (sein Glück!), und ich hab gemacht, dass ich aus dem Laden komme. Auf dem Heimweg hab ich immer noch gezittert, hatte Gänsehautschauder und musste vielmals sehr tief durchatmen.

Nu waren ja alle in dem Laden genervt, und doch glaub ich, dass niemand so Aggressionsschübe verspürt hat, wie ich. Da kann das Kind nix dafür, das ist meins. Diese Anmaßung, so eine Szene zu mache, wenns nicht bekommt, was es will! Ich hab oft nicht bekommen, was ich wollte. Ich hab nie, NIE so ne Szene gemacht, das habe ich mir nie erlaubt, das habe ich nicht gewagt-

Wieso erlaubt sich dieser kleine Junge sowas? Wieso DARF der das?

Meine Ma hat mir erzählt, dass sie mich als ganz neues Baby auf Anraten des Kinderarztes eine Nacht lang hat durchschreien lassen. Eine Nacht lang hat das Baby geschrien und geweint, niemand ist gekommen, und danach ist eingetreten, was der Kinderarzt prophezeiht hat: Ich habe nachts nie mehr geschrien.

Und dann ERLAUBT sich dieses BLAG im Laden so eine Szene —

— und ich wunder mich, warum ich darüber aggressiv werde.

Ich muss zum Baby, es schreit und weint immer noch.

 

Danke kleiner Junge, für die Erkenntnis.
Dir wünsch ich, dass deine Mutter es wagt, dir Grenzen zu setzen. Alles zur passenden Zeit, im passenden Maß.

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9 Kommentare

  1. Eine postmoderne klassische Szene, mit sehr viel Bedeutungspotential, wirklich viel an Kontext. … Betrachtet man das Phänomen insgesamt, also mit dir als subjektiven Beobachter mit hinzu genommen: was tut es, UND was bedeutet es; A-&B-&C … verweisen auf X und so weiter …

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    1. Auch interessant, wie’s entstanden ist, das sind live meine Gedanken runtergeschrieben. Die Aggression ist noch in den Zeilen, und dass ich zum Schluss bei mir als ganz frisches Baby rauskomme, damit hatte ich nicht gerechnet. Oh ja, es musste raus.

      Deutlich zu erkennen auch die zwei ungesunden Mistextreme: in den späten 60ern noch brutale Härte, ‚Erziehung‘ von Babies – und heute Konsumterror durch eigene Kinder, denen hilflose Eltern nichts entgegenzusetzen wagen.

      Und das ist schon viel zu abstrakt – mich hats ordentlich gebeutelt, als ich fertig war mit dem Text; hab weinen müssen. Gut! Heilsam!

      Gefällt 3 Personen

  2. Das ist ein sehr faszinierendes Erlebnis. Und eine interessante thematische Parallele, wenn auch aus einer ganz anderen Perspektive als bei mir.
    Die Arbeit mit inneren Kindanteilen kann viele Gefühle hochspülen, die irrational und fremd scheinen. Wenn es gelingt sie in den richtigen Kontext zu setzen, dann ist das heilsam, weil es eine Art von Dissoziation aufhebt. Wie Integration. Ich weiß nicht ob bei dir so etwas in der Art passiert ist. Ich kenn mich nicht so gut aus damit. Aber spannend, trotzdem.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich übe grad, nicht mit dem Verstand da reinzugehen, sondern zu vertrauen, dass heilende Prozesse in mir geschehen, ohne, dass ich was dafür ‚tun‘ muss. Integration, das klingt schön!

      Ja, die Parallele hab ich auch gesehen, im Sinne von: Es geht an immer tiefe Schichten. Neues Level im Videospiel.

      Dann setzt auch da mein Verstand ein und sagt: Du meine Güte, mal als Baby ne Nacht durchgeheult – du hast Sorgen!

      Das kann das Baby nicht verstehen – ihre Verlassenheit war absolut.

      Oh seufz. Weiter, weiter, wir ham die Skills. x)

      Gefällt 2 Personen

  3. oh liebe vetch, das ging mir nah. die kleine vetch schreit und niemand kommt. da hab ich gerade erst ein video von dieser dami charf gesehen, wo sie davon erzählt. wenn die kinder irgendwann aufhören zu schreien, dann haben sie nichts gutes gelernt, dann haben sie aufgegeben. ich habe so etwas auch selbst erleben müssen.
    fühl dich umarmt. deine wut ist okay. das sag ich hier so einfach mal, weil ich das genau gestern auch hatte. meine wut. da fällt mir auf, dass es das gleiche thema ist, nur ein anderer auslöser. jemand war nicht da und ich fühlte das ich sie aber überlebensnotwendig brauchte. und dann ist der mensch einfach nicht da. naja, okay… vielleicht doch ne andere wut. egal.
    alles liebe für dich. ❤

    Gefällt 1 Person

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