1984

Donnerstag, 20. & Freyjatag 21. Juli 2017 ~ Dankesammlung

Gestern, Donnerstag 20. Juli
Gestern war – gar nichts los und ganz viel los.

Wir sind früh aufgestanden und mit Nelly zur Tierklinik gefahren. Sie wurde geröngt, und dann wurde beschlossen, dass sie nicht operiert wird, sondern erst in frühestens zwei Monaten. Bis dahin soll sie aus dem Kasten raus und ihr normales Leben wieder aufnehmen. Vor allem soll sie sich bewegen.
Dafür bin ich dankbar – (erst mal) keine OP und Nelly wieder aus dem Kasten.
Nelly sieht das anders. Sie war verstört, dass sie nicht mehr in den Kasten konnte und hat sich in dunkle Ecken verkrochen. Zeitweise hat sie sich im Katzenklo versteckt.
Schließlich hab ich sie in meinem Zimmer auf den Stuhl gesetzt, und da ist sie lange liegengeblieben. Später hat sie dann aufs Kissen gewechselt, und das wars für den Tag mit dem Bewegen. Achdoch, abends ist sie hoch, auf den Spitzboden über der Küche, und da liegt sie jetzt noch in der allerhintersten Ecke und kommt nicht raus. Gefressen hat sie gar nichts – seit vorgestern. Wir lassen sie heute noch in Ruhe. Wenn sie morgen früh immer noch da hockt, kletter ich hoch und hol sie.


Ein misstrauisches, ängstliches, gar nicht zufriedenes Kätzchen.


Das war später am Tag gestern, da war sie mal wirklich entspannt. Achje, das Schnusel.

 
Ich hab gestern alte Tagebücher gelesen, aus irgendeinem Grund kam das so. Habe mit №1 angefangen, 1981, da war ich 11. Bin bis №8 gekommen, 1984. In der Zeitspanne war John Lennons Tod (ich habe tagelang geweint), die Scheidung meiner Eltern und dann jedes Wochenende die Fahrt von Bonn (Ma) nach Köln (Däd) und zurück – und zurück war schrecklich! In Bonn musste ich zur Schule, wo ich in der Klasse eine der Ausgestoßenen war (das Wort mobbing gabs da noch nicht…), und in Bonn lebte bei uns der grauenhafte, ja wirklich grauenhafte Freund meiner Mutter. Als meine Ma schwanger war, ließ er sie sitzen und es folgte Umzug Ma mit mir und meinem kleinen Bruder nach München. In №8 ist klar, dass ich nicht versetzt werde auf dem bedrissenen Mädchengymnasium, auf das ich von allen möglichen münchener Schulen gelandet war….
Ich weiß, dass diese Jahre schlimm waren – in meinen Tagebüchern kommt das nur manchmal durch. Hauptsächlich schreibe ich von Beatles, Ultravox, Star Wars und dann immer mehr Schulstress, der mich beim Recherchieren nach und Durchkauen von Infos über Ultravox und Star Wars stört.
Es war gestern schmerzhaft, das zu lesen. Dazu kam noch eine… eine Missstimmung zwischen mir und dem Gefährten. Der hatte auch irnzwie et ärm Dier. Ich habe dann für Versühnung gesorgt, als ich ihm sagte, dass ich seinen Beistand brauche bei der Verarbeitung meiner Vergangenheit.
Für den Frieden dann und noch für anderes bin ich dankbar.
Ich bin dankbar, dass ich auf dem bedrissenen Mädchengymnasium in München war, denn es gab einige coole Lehrerinnen dort, die mich trotz meiner größtenteils schlechten Noten schätzten, mich für intelligent hielten und mich das spüren ließen. Außerdem hab ich dort wirklich was gelernt, auch in den Fächern, in denen ich fast nur 5er und 6er hatte. Nur nicht in Französisch – doch eine französische Mitschülerin sagte mir, ich habe von allen die beste Aussprache, besser als echte Franzosen (weiß nicht, wie das gehen soll – das hat sie jedenfalls gesagt). Das hat mich riesig gefreut, und den 6er fand ich darum gar nicht mehr so wichtig.
Ich bin auch dankbar, sehr dankbar, dass ich auf dieser Schule Lady of the Dan kennenlernte. Ich bin froh und dankbar, weil wir uns damals gegenseitig ermutigt und unterstützt haben. Ein Motto von uns war „Wer spricht von siegen? Überstehn ist alles!“ (Rilke). Seit dem, seit vielen Umzügen und Veränderungen, verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Das ist was Besonderes! ❤
Ich bin auch meiner Ma dankbar, die mir wirklich ne Menge zugemutet hat damals. Oh wow, das hat sie! Der ich auch Kummer gemacht habe („Sooo intelligent, aber stinkend faul!“). Und die mich doch nie mit Druck zu irgendwas gezwungen hat, sondern mich so sein gelassen hat, wie ich nun mal war und bin. Sie wollte lieber Kinder, die gutartig und aufrichtig und integer sind, statt angepasster Vorzeigekids mit tollen Noten. Darum hab ich heute einen so schrägen Lebenslauf ohne tolle Karriere. Danke, Ma! Wirklich. DANKE! ❤
Und schließlich bin ich auch der jungen Vetch dankbar, die damals so gut für sich gesorgt hat, wie sie eben konnte. Mit dem, was sie zur Verfügung hatte. Die ihre Prioritäten ganz klar hatte, die ihre Energie auf das gerichtet hat, was sie wirklich interessierte. Leider war das nur Mist – Musikgruppen, Filme. Weil ich damals von nichts anderem wusste. Das ist so gewollt. So werden junge, sehnende Seelen durch Konsum verblödet und versklavt. Trotzdem haben sie mich nicht gekriegt, weil ich die ganze Zeit etwas anderes gesucht habe, von dem ich damals nicht wusste, dass es existiert. Trotzdem habe ich niemals aufgehört, zu suchen, und ich habe es gefunden. Dank dir, junge Vetch! ❤

Oh, und ich war auch sehr dankbar für den Regen gestern. Und dass die Paprika blüht. Ob das noch ne Schote wird, dies Jahr? Egal. Wunderschön ist sie!

 
Oje, das Gedicht. Ich hab da eins im Tagebuch №1,
Das Bienlein oder Lob der Faulheit
Hehe.

Das Bienlein fligt von Ort zu Ort
Was sucht es wohl in einem fort?
Es sucht den Honig, klar und rein,
der in den Blümlein sollte sein.
Gar fleißig, emsig frisst es auch
den Honig in den dicken Bauch.
Die andern Bienen sammeln emsig,
doch unser kleines Bienchen bremst sich.
Es legt sich faul unter ein Blatt,
denn es ist ja bis oben satt.
Ein Vogel kommt und denkt sich „Bah!
Was liegt denn Ekelhaftes da?
Das so furchtbar nach Honig riecht,
dass man gleich auf dem Rücken liecht!“
Dann fliegt er zu den andern
Bienen, die dort wandern.
Und frisst sie alle ganz und gar —
Das faule Bienlein liegt noch da.
Und die Moral von der Geschicht:
Die Faulen frisst der Vogel nicht.

Ich bitte die Bienencommunity um Entschuldigung!
Paar Rechtschreibfehler hab ich berichtigt. Der Gefährte meinte „Wie alt warst du da? Elf? Unglaublich. Sagt alles über dich.“
Ich nehm das als Kompliment. =)

 

Heute, Freyjatag 21. Juli.

Heute hab ich Comptag, und als erstes fand ich eine Mail, die mir Lady of the Dan gestern geschickt hat.
Andrea Jürgens ist gestorben, und wenn ich von der höre, muss ich immer an Dich denken, und dann hab ich mir „Dabei liebe ich euch beide“ angehört, bemerkenswert.
Also da saßen wir in der Schulbank und ich weiß nicht, wie wir auf die kamen, jedenfalls hast Du gesagt, dass sie Dir so aus der Seele gesprochen hat, weil sie auch 11 war wie Du, als Deine Eltern usw. – ich wie immer völlig verständnislos, fand AJ schrecklich so wie ich alle Kinderstars verabscheut habe usw. ABER ich muss sagen, abgesehen davon, dass die Mutti die Böse ist (die 2. Strophe hätte wirklich etwas Ausgleich schaffen können), ist das ein bemerkenswertes Lied, und abgesehen davon, dass da eine 11jährige auf erwachsen getrimmt wurde, kann sie irre gut singen.
Ja zu allem. Also, nicht zu dem „wie immer völlig verständnislos“ – immer stimmt nie, hehe. Und das Lied ist grauenhaft. Und doch… ich hatte heute nasse Augen, als ichs auf YT angehört habe. Erstaunliches Lied, zu der Zeit. Und das schickt mir LotD gestern. Wasn Zufall aber auch.

Heute morgen wars noch kühl (ach, war das SCHÖN!) und da hab ich was für die Arme gebraucht und gleich gefunden, weil mir vor einiger Zeit die superschöne Strumpfhose aus Berlin durchgelöchert ist. Ich find sie so schön, dass ich sie nicht wegwerfen wollte, also hab ich die Beine rausgeschnitten, und die haben mir heute wunderbar als wärmende und mich erfreuende Stulpen gedient.

Bei der Stulpen-Fotosession heute morgen aufm Balkon sah ich, dass die Tentalkelpflanze mitm Blühen angefangen hat! ❤

Ich hab neongelbe und lila Tinte im Glasfass bekommen, und nun kann ich ganz ganz wunderbare Farben mischen. Ich brauch — plastikfreier Juli plastikfreies Leben — nie mehr Tintenpatronen kaufen. Nie mehr. Ich fülle leere Patronen mit Spritzen, die ich noch aus der Kontaktladenzeit habe (und wenn ich die nicht hätte, würd ich mir welche kaufen). Die Spritzen habe ich beschriftet, für jede Farbe eine, funktioniert perfekt. Und meine Füllerkugelsammlung ist groß genug.

Wir haben gestern zum Einschlafen einen ganz kuriosen Film geguckt. „Incubus“ der einzige Film (meines Wissens), der auf Esperanto gedreht wurde. Mit William Shatner! Ich mochte Esperanto irnzwie nie, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben. In dem Film hab ichs zum ersten Mal richtig gehört, und ich finde es faszinierend.
Was den Film angeht: Wir hatten einen obskuren Stinker erwartet. Ich mein, William Shatner!
Was wir sahen waren Schwarzweißbilder wie alte filigrane Scherenschnitte, flirrende Hitze, Gräser, Schatten, seltsame, entrückt-beklemmende Atmosphäre. Auch die Musik so schön, sanft, andersweltlich. Dazu diese seltsame Sprache. Und alles auch sehr Sixties.
Wir sind drüber eingeschlafen, weil der ganze Film so hypnotisch ist. Und ich freue mich sehr darauf, heute abend nen Tick früher ins Bett zu gehen und ihn noch mal und dann ganz zu gucken.

So, morgen ist ziemlich sicher Putztag und außerdem compfrei, was ich ziemlich sicher wieder einhalten werde. Ich hab noch sehr viele Tagebücher, und ich habe neue Tintenfarben. Und ich hab ein Kätzchen, das rehabilitiert werden möchte. Doch, Nelly, das möchtest du. Glaubs nur!
Ich war auch mal sechs Wochen im Krankenhaus, mit nem gebrochenen Hals, fünf Wochen davon nur im Bett. Als ich wieder heimkam, hab ich nen Heulkrampf bekommen, mein Bett in die Mitte des Raums geschoben, nen hohen Nachttisch daneben, darauf die geklaute Schnabeltasse.
Erst nach drei Tagen hab ich das alles peinlich berührt wieder abgebaut. Nelly ist gestern erst aus ihrem Kastenparadies vertrieben worden.

Das Gedicht. Eigentlich müsste hier Der Große Frust Blues hin, den ich damals zusammen mit Lady of the Dan geschrieben habe. Doch ich find ihn nicht mehr! ARRRGH! 😥
Stattdessen einen andern Blues, aus den späten 80ern, der insgesamt genau das beschreibt, was mir gestern entgegenwehte.

Schoolgirl’s Blues

didn’t stop worrying about death
didn’t stop dieting – still I’m fat
didn’t meet the people I wanted to
didn’t think Hesse taught me something new
but I feel – there’s something moving…

didn’t get better at school, nor did I quit
didn’t try acid – still smoking shit
didn’t find truth in god above
didn’t find the one and only to love
but I feel – there’s something moving

didn’t reach enlightment nor got my mind clear
didn’t pack my jack – no, I’m still here
didn’t find an opinion or what I wanna be
but a certain feeling grows and I need to break free!
and I want! I want! I WANT! to be moving!

spent countless nights thinking what life is about
wasted my time coz no answer was found
had some solutions – they didn’t last long
but I know what I must do for I know what went went wrong
I got! I got! I got! I got to be moving!

sure I’ll stay until I’ve finished school
sure I’ll be normal. I won’t break no rule
often I’m afraid that I’ll never stop to wait
I fear time is spent and that it’s to late!
but I know, yea, I know I’ll be moving!

You tell me that I don’t see the truth
you say restlesness was a desease of youth
and your talking goes on and on and on and on and on and on and on and on
and when you look for me I’ll be gone!
because I’m moving!!!!

 

 

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