80er

In den grauen Städten

War grad kurz und unerwartet in Köln. Köln ist schon oke, wirklich. Is halt ne Großstadt.

Da hab ich jetzt dieses Foto gemacht, und dazu ist mir ein uraltes — naja, sagen wir mal großzügig: Gedicht eingefallen, was ich Anfang 20 geschrieben habe – auch in Köln. Ist trotzdem nicht speziell auf Köln gemünzt – in jeder großen Stadt, die ich bis jetzt kennengelernt habe, finden sich Ecken, wo’s passt. Manche Städte sind nur so.

Kein tolles Gedicht was das Lyrische angeht. Dafür wahr.

 

in den grauen Städten
über denen manchmal ein gelber Nebel liegt
die bis zum Horizont reichen
In der grauen Stadt
unter einem fahlweißen Himmel
der nichts anderes scheint
als Abwesenheit von Licht & Farbe
In dieser Stadt
die bis zum Horizont reicht
wo dünne Schornsteine
feine weiße Fähnchen in den riesigen blinden Himmel wichsen
In dieser Stadt gibt es an Stellen
die einmal Wald oder Wiese oder Feld waren
also, da gibt es Mülltonnen
in die kannst du dein Leben schmeißen
öffnen — schließen
klapp.

 

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Weihnachtsmailing

Heute ist Sonnenwende. Später, wenns soweit ist (17:28) bin ich aufm Balkon, Altarabfälle verbrennen.
Zu Feier des Tages doch mal wieder ein Beiträgchen von mir mit ein paar Dingen, die sich angesammelt haben.

Wir feiern dieses Jahr null Weihnachten. Null. Nada. Nix.
Fühlt sich GUT an. Stimmig.

Dennoch hier für die, die des Englischen mächtig sind und Zeit und Lust haben, eine schöne Abhandlung über die quellenreiche, vielfältige Geschichte Weihnachtens: One Christmas, One Empire von Neil Kramer aus dem Jahre 2010.

Und dann, weils mich seit langer Zeit jedes Jahr wieder freut, das Icon vom VLC-Player (der beste Mediaplayer, den ich kenne – und kostenlos) , der jedes Jahr um die Zeit sein Weihnachtsmützchen aufhat.

 

Und dann ein Anblick, der für mich sehr gut den Geist der Weihnacht repräsentiert, wie er sich auch dieses Jahr wieder reichlich manifestiert:

Tolle Geschenke… diese liebevolle Deko, diese Wärme…

 

Apropos Deko. Weiß eigentlich noch jemand, wieviel Strahlen eine Schneeflocke genau hat? Hier ist nur eins von vielen Schneeflocken-Bildern, von denen mir von Jahr zu Jahr mehr befremdlich auffallen:

 

Und ein Bild von heute, mit wirklicher (finde ich) Schönheit. Die gibts ja auch überall; ich sehe sie, sobald ich meinen Blick von allen künstlichen Kram abwende.

Danke!

Achja, und dann noch zwei Videos, nicht weils irnzwie besonders tolle Songs wären. Sondern weil sie auch zum Anlass passen, weil ich sie beide als gutartig empfinde, weil ich zu beiden eine sentimentale Jugendverknüpfung habe. (In John Lennon war ich in meiner Spätkinderzeit sehr verliebt, und in Midge Ure – Mitproduzent von „Do they know it’s Christmas“ – in meiner Frühpubertät.)

Und vor allem, weil sie inhaltlich alle beide nach wie aktuell und angemessen sind.

Das reicht, ich begebe mich demnächst auf den Balkon. Alles Gute euch, was auch immer ihr in dieser Zeit feiert oder auch nicht.

 

FEED THE PEOPLE – STAY ALIVE!

 

 

 

Der Preis des Dazugehörens

Marille Grünblatt hat einen schönen Text veröffentlicht, der mich berührt hat:

Wanderratgeber | Der Hase im Apfelbaum

Das löst bei mir grad was aus… Einen Mecker- und Motzanfall.

Als kleines Kind war ich in gewisser Weise wie der glückliche Prinz von Oscar Wilde. Ein einsames, aber mit sich und den Eltern zufriedenes Einzelkind, das keine Ahnung hatte, was in der Welt vor sich geht.
Als die Schule begann, wurde das schlagartig anders. Es begann die schlimmste Zeit meines Lebes: viele unglückliche Jahres des Aussenseitertums und des Dringend Dazugehören Wollens.
Es ist mir bis heute nicht wirklich gelungen. Inzwischen bin ich froh darüber. Aus tiefsten Herzen bin ich dankbar, dass ich es nie geschafft habe, ’normal‘ zu sein und dazu zu gehören.
Als Mädchen und junge Frau war ich verzweifelt.

Wenn ich heute darüber nachdenke, wieviel Zeit und Kraft (und Taschengeld) ich z.B. dafür verschwendet habe, irnzwelche Bänds anzuhimmeln, Platten und grässliche Magazine zu kaufen, MTV zu gucken —
Eigentlich wär ich gerne Punk gewesen, aber das hab ich mich getraut. Weil ich fand, ich wär zu fett für enge Lederhosen.
Ich war bisschen fett – das lag daran, dass ich meinen seelischen Hunger auch mit Chips und knallbunten Süßigkeiten zu stillen versuchte. Was Kindern an ungesunder (sorry) Scheiße verkauft wird, das ist WIDERLICH.
Aber folgerichtig. Dauert nicht lang, dann verdient die Pharmaindustrie an uns.

Die spirituelle Leere, in der unsere Zivilisation uns aufwachsen lässt, dürfen wir mit Konsum füllen.
Ja, wir leben im goldenen Westen, in der Freiheit! Wir sind frei zu wählen, ob wir Microsoft oder Apple wollen. Nestlé oder Danone. Coke oder Pepsie.
Wenn wir sind, wie die andern, wie die Reklame-Kids, dann haben wirs geschafft, und wenn wir dann immer noch nicht zufrieden und glücklich sind, dann stimmt was nicht mit uns. Dann sind wir nicht normal und selber schuld. Ham halt noch nicht das richtige Produkt gekauft. Noch nicht das richtige Fitnesstudio gefunden.
So hängen wir als Energiequellen fest in der Matrix.

Ich wünsche allen Kindern und jungen Menschen jemanden, der oder die ihnen andere Werte vermittelt und schon früh einen andern Weg zeigt.
Wir alle haben es verdient, unsere Zeit und Kraft für Heilsames und Schönes zu verwenden. (Marille Grünblatt z.B. hat dazu diesen schönen Wanderratgeber gepostet.)
Mir ist noch ein (holpriges) Lied eingefallen, dass ich zum „Roten Fest“ geschrieben habe – das war ein spirituelles Fest zum Übergang vom Mädchen (der Weißen) zur erwachsenen Frau (der Roten).

Das Lied war inspiriert von „Lonesome Robin“ (s.u.), lässt sich zu der Melodie singen und geht so:

Brich auf, es geht ins Rote Land
Nimm deinen Bogen noch einmal in die Hand
Dein einsames Jagen ist nun vorbei
Zerschlissen ist dein weißes Kleid
Wo immer dein Pfeil den Boden erreicht
wächst deine neue Zeit:
die Rote
Komm heim, Jungfrau, komm heim!
Du bist nicht länger vogelfrei.

Als kleines Mädchen warst du
eine Prinzessin, Piratin dazu.
Du wusstest genau, wann ein Zauber passiert
doch hast du die Worte nie gelernt
die das sagen könnten, was du gewusst.
Und dann hast du in die Schule gemusst.
Ach Kleine!
Vorbei, Jungfrau, vorbei.
Du bist nicht länger vogelfrei.

Gefangen warst du lange Zeit
bis in deine Träume warn die Gitter gereiht
Fast wärst du nicht mehr ins Leben erwacht
so ham sie dich irre gemacht.
Jetzt sprenge die Wände, sie halten dich nicht
und in den Trümmern finde dich:
Die Rote!
Es sei, Jungfrau, es sei!
Du bist nicht länger vogelfrei.



Hier die Lyrics zu „Lonesome Robin“.
Und hier eine schöne Version von einem Herrn Barry Moore (aka Luka Bloom)

edit:
Das passt auch noch wunderbar dazu:
http://zenpencils.com/comic/kalam/
(Die Zen-Pencils hab ich durch Frau Koriander gefunden.)

Die Angst vorm Tod

Als ich 18 Jahre alt war und noch zur Schule ging und bei meinem Vater in Köln-Rodenkrichen wohnte –

Wir wohnten in so einem typischen Vorort, wie es ihn in fast allen Städten gibt. Kleinere Straßen, Ein- und Mehrfamilienhäuser, Vorgärten, Koniferen und Bambusgrasbüschel. Garagen und Parkplätze am Haus. Da wohnen Leute, die gut verdienen. Ich mag solche Gegenden nicht. Für mich sind sie steril und tot.

In dieser Umgebung vegetierte ich so vor mich hin.
Ich fühlte mich einsam, hässlich und das Leben war Sache der anderen. Ich hatte keinen Teil daran und solche Sehnsucht.
Das Fatale war, dass ich gar nicht wusste, wo das Leben ist, das ich wollte. Ich sah davon wenig bis nichts in der Realität, die ich für die Welt hielt.
Manchmal fand ich Spuren, denen ich nur zaghaft folgte. Sie führten in Gebiete, die anrüchig waren. Oder/und sie machten Mühe. Meditieren zum Beispiel. Ich hatte mich damals zur Zen-Buddhistin erklärt und deswegen öfters Zoff mit meinem Vater, der fand, ich würde in einer Sekte landen. Weia.

Woran ich dagegen zu dieser Zeit Anteil hatte, großen Anteil, das war die bleierne Schwere der 80er. Angst vor AIDS, Atomkrieg und Umweltzerstörung.

In diesen wunderbar fruchtbaren Boden der Hoffnungslosigkeit, Deprimiertheit und Angst klatschte die Katastrophe Tschernobyl.

Ich fing an, nachts aufzuwachen. Mit einem Schlag hellwach. Vor mir das Nichts. Das Schwarze. Der Tod.
Das ging viele Nächte so. Ich lag im Dunkeln, alle schliefen, und ich versuchte das Entsetzen einzudämmen. Ich werde sterben. Ich werde tot sein Es wird NICHTS sein – NICHTS

Zu versuchen, das NICHTS zu begreifen, ist grauenvoll.

In diesen Nächten, da ich in nullkommanix aus dem Schlaf in hellwache Angst gerissen wurde, war mir danach, aufzuspringen und schreiend durch die Wohnung zu rennen.
Das tat ich natürlich nicht, weil, das hätte alle im Haus geweckt. Von denen hätte mir niemand helfen können. Außerdem rennt man nicht schreiend rum, mitten in der Nacht! Was sollen die Nachbarn denken?
Also rang ich den Impuls nieder und versuchte stattdessen, ruhig und regelmäßig und tief zu atmen. Zu akzeptieren, was mich quälte. Es anzunehmen. Ich fand, das sei der Zen-Mönch-Weg.

Das Ergebnis meiner Bemühungen war, dass ich nachts von Todesangst aus dem Schlaf gerissen wurde und schreiend durch die Wohnung rennen wollte.
Was ich nicht tat.
Stattdessen versuchte ich, ruhig und tief zu atmen, meine Angst zu bekämpfen („Angst ist Versagen und der Vorbote des Versagens“ flüsterte dazu Kleister, der alte Lebenskünstler), den Tod anzunehmen (is doch ganz normal, don’t fear the reaper…), das NICHTS zu begreifen-
ARHHHHRR! Ich will schreiend durch die Wohnung rennen!

Mit dieser Methode kam ich also nicht weiter.

Schließlich hab ichs begriffen. Das, was zu begreifen war. Nicht das NICHTS, das ist unbegreiflich, und es ist vermessen, sich dahin aufmachen zu wollen. Es führt zu Wahnsinn. Dazu fällt mir Lovecraft ein.

Schweife nicht ab, oh Troubadoura. WAS hast du begriffen, damals, als das unnenbare Grauen dich beutelte?

Ich habe aufgehört, mich mit dem Intellekt retten zu wollen und endlich begriffen, was gemeint ist, wenn spirituelle LehrerInnen vom Annehmen sprechen.
Ich hab aufgehört zu kämpfen.
Da bist du, Angst. Da ist Tod, da ist Nichts. Ich werde sterben und ich habe ANGST. Nimm mich, gibs mir, ich wehre mich nicht mehr.
Ich ließ den Atem los und die Kontrolle fahren~

Da ging etwas durch meinen Körper wie eine Welle, und dann lag ich im Bett, in meinem Zimmer mit den großen Fenstern, erhellt vom Licht der Straßenlampen, das durch den Garten des Vermieters hereinfiel.

Hallo Angst?
Wo bist du?

Naja, sie war weg.

 
Sie ist dann lange Zeit so nicht wiedergekommen. Manchmal regt sie sich, und ich kann jetzt damit umgehen. Nämlich gar nicht – umgehen. Stattdessen SEIN lassen. Kein Widerstand.

Außerdem ist mir etwas sehr Wichtiges aufgefallen.

Angst vorm Tod, sei es so dramatisch wie damals in den 80ern, oder auch nur schwelend, im Untergrund quälend, habe ich nur in Zeiten, da es mir schlecht geht.
Diese Todesangst ist dabei nicht Ursache, sondern Symptom.

Schlecht geht es mir, wenn ich nicht lebe. Wenn mich ausgeliefert fühle, eingefangen, ohne Kontrolle. Wenn das Leben in mir erstickt wird, dann kommt die Angst.

Darum denke ich, Todesangst ist ein künstlich erzeugtes Phänomen, das zu nichts gut ist, außer das Elend zu verstärken und unsere Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen abzuziehen.

Sterben ist wahrscheinlich kein Problem, wenns soweit ist. Der Tod ist kein Problem, er ist, und mehr weiß ich nicht. Das NICHTS kenne ich nicht.
Was mich Hier & Jetzt am Leben hindert, das ist ein Problem.

Über solche Probleme möchte ich jetzt nur etwas ganz Abstraktes sagen:
Es sind Monster, die ihr Eigenleben haben und nicht sterben wollen. Sie ernähren sich u.A. von Angst, und sie möchten nicht von uns wahrgenommen werden, sondern ungestört beiben. Manche befinden sich als Programme in uns selbst, viele durchseuchen unsere Zivilisation.

 

 

s.a. ACHTZIGER JAHRE