Autopilot

schwere See und tiefe Zeit

… Brainstorm vor dem Vollmond…

Die letzte Woche war und ist hier wieder schwere See, innen und außen. Innerlich und privat wird es seit zwei Tagen besser, dafür grad im ‚Außen‘, zusätzlich zum alltäglichen Entsetzen, was frisches Großes zum Beschäftigen, Angst haben und unendlich traurig sein. Darüber ist in den Nachrichten genug, ich kanns mir hier sparen.

Mein Gefährte und ich haben uns am Wochenende so dermaßen gestritten – die Anlässe so dämlich, dass ich sie nicht mal erklären könnte – dass ich entschlossen war, auszuziehen.
Dann Annäherung, Liebe, neue Wege, mein böser kalter Eisberg zum Schmelzen gebracht, viele viele Tränen. Ich laufe zur Zeit oft über. Schwere See.
Ich habe das Gefühl, wir kommen Schicht um Schicht um Schicht weiter und tiefer richtung Mitte. Alte Krusten lockern sich, durch erste Risse fällt Licht und blendet meine Dämonen – das mögen die nicht.

Bei mir geht jetzt langsam der Chiron-Return los, auf den Susanne von Godharma-Blog mich im Rahmen einer Beratung aufmerksam machte.1

Mein Geburts-Chiron steht in den Fischen und auf der Suche nach mehr Information dazu habe ich im Netz einen Text von Mai 2010 gefunden, durch den mir ein paar Dinge klarer geworden sind. Im Hinblick auf mein inneres Erleben und ebenso im Hinblick auf das, was uns alle hier&jetzt auf der Erde betrifft:

Eintritt von Chiron ins Fische-Zeichen –

Die Umwelt ist ein weiteres Thema, das uns mit Chiron im Fische-Zeichen besonders beschäftigen dürfte. Aufgrund der Zweigesichtigkeit Chirons  – einerseits Zerstörung, andererseits Heilung – ist es leider nicht auszuschliessen, dass Naturkatastrophen an Anzahl und Intensität zunehmen werden. Chiron in Fische kann eben auch die Verwundung der Natur bedeuten. Genau dies ereignete sich am Tag des Ingresses von Chiron in das Fische-Zeichen am 20 April 2010. Es war der Tag, an dem die Bohrinsel “Deepwater Horizon“ explodierte und 2 Tage später im Meer versank. Seitdem tritt das Rohöl in 1500 Meter Meerestiefe ungehindert in den Golf von Mexiko und sorgt dort für eine der grössten Ölkatastrophen in der Geschichte.

Achjaaa – da war was gewesen. Fast ein Jahr vor dem 11. März 2011, als die Fukushima-Katastrophe geschah.
Ölpest, Plastikmassen, Radioaktivität, mei, dann kann man ja bald gar keinen Fisch mehr essen! Schlimm, schlimm.
Aber viel schlimmer sind diese ganzen Ausländer, die hier ins Land strömen, alles islamische Terroristen-

Sorry, ich dreh wieder auf. Wer dem Link oben gefolgt ist, findet dort auch diesen Satz: „Häufig fühlen wir uns in dem Bereich, in dem Chiron in unserem Geburtshoroskop steht, ohnmächtig und dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Daraus kann eine unglaubliche, alles ergreifende Wut entstehen.“

Wut? Moi?!?

Aber darum solls diesmal nicht gehen… Nicht schon wieder. Das geb ich morgen ins Transformationsnetz. Jetzt will ich üben und weitergehen.

Ich hab nämlich noch eine andere Seite zum Chiron Return gefunden, die ich sehr faszinierend finde, und gleichzeitig dazu habe ich begonnen ein Buch zu lesen: „Falling Upward“ von Richard Rohr.

Als mein Gefährte und ich, wund und weich, vorgestern am Esstisch saßen und endlich wieder aus unseren Herzen miteinander sprachen, da fielen ihm zwei Bücher ein, die er vor paar Jahren mal bestellt hat. Von einem amerikanischen Franziskaner Mönch und Priester, Richard Rohr. Er hat diese Bücher entdeckt, als er nach „Sufismus“ suchte – seltsame Wege des Internets – und erinnerte sich jetzt wieder daran, weil Rohr in „Falling Upwards“ vom treuen Soldaten erzählt, den wir zu Beginn unserer zweiten Lebenshälfte entlassen müssen.
Er erzählt da (und ich erzähls jetzt in meinen Worten aus dem Gedächtnis nach), dass nach dem zweiten Weltkrieg manche Gemeinschaften in Japan ihre heimgekehrten Soldaten in einer langen Zeremonie geehrt haben, ihnen gedankt und alles, und dann sei einer der Alten aufgestanden und habe gesagt „Der Krieg ist jetzt vorbei. Leg deine Uniform ab und deine Waffen, und sei wieder Mensch, sei wieder Teil unserer Gemeinschaft.“

Und mein Gefährte und ich, wir haben in diesem treuen Soldaten unsere Dämonen erkannt (so weit wir sie schon kennen), diese Verhaltensmuster und Autopiloten, die uns zu bestimmten Zeiten unserer Jugend bewahrt haben vor Auslöschung, Vernichtung – und dass wir sie jetzt nicht mehr brauchen. Ich habe z.B. einen sehr starken Stolz-Soldaten der all die Jahre mein ach so wackliges Ego beschützt hat. Ich hab ihm gestern gesagt, dass ich ihm danke, und dass der Krieg jetzt vorbei ist. Dann musste ich erst mal weinen.

In dem Buch „Falling Upward“ kommt auch ein wunderbarer Begriff vor: deep time – tiefe Zeit.
Rohr meint damit die Zeit, die größer ist als die kleine Realität, in der unser Ego sich befindet. Menschen, die in Deep Time leben, wissen um die Vergangenheit und leben, indem sie die Zukunft auch für ihre Nachkommen im Blick haben. Rohr erwähnt dazu das Handeln im Interesse der nächsten sieben Generationen bei einem Indianderstamm, und dazu hab ich grad das gefunden, was das Konzept der Deep Time wunderbar erklärt:

ANI TSALAGIHI AYELI – Das Volk und die Nation der Cherokee | Arbeitskreis Indianer Nordamerikas

“Die cherokesische Vision der Erde, des Universums, der Vergangenheit und der Zukunft ist ein ewigwährender Kreis. Was heute wahr ist und was noch vor uns liegt ist Teil eines unendlichen verschmolzenen Bandes, an dem die Vergangenheit ebenso lebendig ist wie die Gegenwart. Heute haben wir den gebrochenen Kreis wieder geschlossen, nicht nur für uns und unsere Kinder, sondern für die nächsten sieben Generationen. Dies entspricht unserem Sinn für eine immerwährende Gemeinschaft“.

Tiefe Zeit.

Ich finde, das ist genau das, was ich mit Wirklichkeit meine – im Gegensatz zur Realität. (Im HEXIKON werd ich beide Begriffe diesbezüglich noch erweitern.) Deep Time ist sozusagen das Große Hier&Jetzt. The Long Now.

Faszinierenderweise ist auf der oben kurz erwähnten Seite zum Chiron Return auch die Rede von einem andern Zeitkonzept. Der Autor nennt das dort Chiros, und so wie ich das verstehe, meint er damit dasselbe, wie Rohr mit der Deep Time. Hier ist die Seite (englisch): http://www.zanestein.com/chironreturn.htm

Rohr ist absolut christlich und hat nichts mit Astrologie am Hut, und er sagt, er habe todkranke Kinder kennengelernt, die schon in der zweiten, weisen Lebenshälfte waren, und er kenne leider reichlich Leute in den 60ern und älter, die noch adoleszent seien. Diese „zweite Lebenshälfte“ hat also nicht zwingend mit unserem Alter zu tun. Und doch ist die Zeit des Übergangs in der Regel so zwischen 40 und 50, und Ende 40 haben wir alle unseren Chiron-Return, manche bisschen früher, andere später…

Ganz grob und platt gesagt: Chiron transformiert durch Leid, durch die Wunde, die wir selber nicht heilen können, an der wir nicht kratzen sollen. Chiron-Auslösungen sind oft Zeiten, da wir einfach nur aushalten müssen – einfach nur dasein, auch für andere vielleicht – während innen die Umwälzungen geschehen.

„Falling Upward“ („aufwärts fallen“) hat diesen Titel, weil Rohr darin erklärt, dass wir alle fallen müssen, um zur Reife zu gelangen. Und das greift nahtlos in das, was ich über die Logotherapie gelernt habe, nur eben von der anderen Seite. Frankl zeigt, dass wir auch in großem Leid durch SINN, durch Werte, durch ein FÜR ETWAS heil bleiben (oder werden) und Freude finden können. Und Rohr sagt, dass wir den SINN durch die Krise, durch den Kontrollverlust, durch Leid: durch den Fall erst finden.

Das passt auch zusammen zu meiner Erfahrung in den paar A-Gruppen (12-Schritte-Programm), die ich mal besucht habe. Die Kapitulation, den Ersten Schritt zu vollziehen, das Eingeständnis des völligen Scheiterns, das war wirklich der erste Schritt zu Heilung. Rohr erwähnt das auch – wie nicht! – in dem Vortrag zu „Falling Upward“, den ich unten verlinkt habe.

Das erinnert mich auch an einen Zettel, den ich mal an einer Kneipentür gesehen hab. Das war eben zu der Zeit, als ich die A-Gruppen besuchte, weil es mir wirklich wirklich richtig schlecht ging. Als ich den Zettel sah, musste ich so lachen, dass mir die Tränen kamen. Das war ein sehr schönes Gefühl, weil ich zu der Zeit sowieso so viel geweint habe. Das war endlich mal eine andere Sorte Tränen. Auf den Zettel stand:

 

When you fall
I’ll be there

~ Floor

 


 

Hier Mr. Rohr in Person zu eben dem Buch, das ich grad lese. Hammer: katholisch, Ami, hat ne Männerbewegung ins Leben gerufen, so einer enstsprach zu meinen hardcore feministischen Zeiten meinem absoluten Feindbild. Was er sagt, hätte mir damals schon sehr gefallen, aber ich hätte ihn mir halt nicht angehört.
Hehe, ja, wie Volker Pispers sagt: „Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tach Struktur.“
Und, wie Rohr eingangs erklärt: Solche Strukturen und Abgrenzungen sind gesund und wichtig für die adoleszente Person. Und dann geben wir sie auf, weil wir sie nicht mehr brauchen.

 

 


 

1 Achnee, wie ich das schreibe und nach der Site-Adresse zum Verlinken gucke, finde ich die aktuelle 2-Wochen-Astrovorschau zum Vollmond von ihr. Hm, erst anhören, oder erst den Artikel schreiben? Erst schreiben, sonst hab ich noch mehr Input zu sortieren…
(Inzwischen hab ichs mir angehört und bin sehr froh darüber 🙂 )

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Die Alte, das Mädchen und die Königin

Diesen Text habe ich Dezember 2012 in einem Message-Board gepostet, nachdem ich mich dort über einige Beiträge eines Mitglieds geärgert hatte.
Ich hatte einen Traum erzählt, der mit meiner Beziehungsunfähigkeit zu tun hatte und war dabei zu dem Schluss gekommen, dass ich aufhören muss, die kleine Prinzessin zu sein, die auf den Prinzen wartet. Dass ich stattdessen Königin werden muss.
Der Betreffende, der übrigens immer schon und immer noch sehr gute und sehr hilfreiche Beiträge schreibt, vor allem bei Fragen zu Träumen, mochte das Wort „Königin“ nicht und nannte es ‚Ideologie‘. Wir hatten eine sanfte Auseinandersetzung darüber, ohne Einigung. Ich fühlte mich (zu Recht, wie ich immer noch finde) völlig missverstanden.

Ich sah zu dieser Zeit zwei Möglichkeiten, zwei verschiedene Impulse regten sich in mir:
Auf der einen Seite fand ich es schrecklich, dass ich ausgerechnet mit diesem Mitglied uneinig war. Er hat da ein sehr gutes Standing, er schreibt meistens sehr gute Sachen, er hatte sich die Mühe gemacht, meinen Traum zu analysieren ― ich hatte das Bedürfnis, alles wieder gut zu machen, Harmonie und Einigkeit herzustellen. Liebe und Frieden.
Auf der anderen Seite war ich wirklich erbost und fühlte mich von diesem Missverstehen bedroht und ausgelöscht.
Und wenn ich mich bedroht fühle und erbost bin, kann ich formidabel, kalt brutal und zielsicher verletzend sein. Manche kennen das vielleicht von sich selber…

Nu hatte ich zu der Zeit schon einige Erfahrungen und Lernphasen hinter mir, drum wusste ich, dass keiner dieser beiden Pole irgendetwas mit der Souveränität der Königin zu tun hatte, die ich gerne sein wollte.

Also habe ich einen Weg zwischen den beiden Polen gefunden.
Statt einerseits einzuknicken, zu winseln und zu schleimen,
statt andererseits meine Position brutal zu behaupten und durch Streiten zu verteidigen
habe ich beschlossen, dass ich nichts verteidigen und nichts entschuldigen muss.
Ich habe stattdessen den Text unten geschrieben und in dem Board gepostet.

Und ich poste ihn hier noch mal, weil er auch ein Thema behandelt, dem ich hier immer wieder begegne:
Den inneren Stimmen in uns. Den verschiedenen Rollen, Wesenheiten, Mustern, Aspekten, persönlichen Archetypen, wie auch immer wir sie nennen wollen. Oft sind es Selbsthasser, destruktive Muster, kleine und große Monster.
Die Prinzessin und die Hohepriesterin sind beileibe nicht die einzigen, die sich in mir tummeln. Sie sind allerdings beide sehr stark, und sie haben mir beide in meinem Leben sehr geschadet. Der Text ist ein Versuch, klar zu machen, wer bei Vetch das Sagen hat. Wenn ich meine inneren Muster nicht weg bekomme, dann sollen sie sich gefälligst auf meine Seite schlagen, mich unterstützen und aufhören, unbeaufsichtigt auf Autopilot Mist zu bauen.

Außerdem ist der Text ein Beitrag zu meinem Projekt Schluss mit Wurst.

Und jetzt genug eingeleitet. Here goes:

Die Alte, das Mädchen und die Königin

Ich wanderte neulich meine Grenzen entlang – ich kenn die immer noch nicht wirklich gut. Manchmal scheinen sie gar nicht da zu sein, manchmal kann ich nicht genau erkennen, wo ich aufhöre und mein Gegenüber anfängt.
Und doch war ich da nicht zum ersten Mal unterwegs, in meinem Grenzgebiet. Mit den Jahren hab ich dort einige Erfahrung gesammelt.

Ich war grade damit beschäftigt, etwas wegzuschaufeln, das neulich über meine Grenzen in meinem Reich abgeladen worden ist (auf meine eigene Einladung hin, muss ich dazu sagen) aber da überhaupt nicht hingehört.
Angenehme Arbeit, hat was Meditatives, tut mir gut. Ich finde sogar ab und zu nen kleinen funkelnden Stein in dem Haufen, den ich gebrauchen kann und aufhebe. Ich sing mir eins dabei.
Wie ich so am Schaufeln bin, da stapft plötzlich an mir vorbei, hoch aufgerichtet, entschlossenen Schrittes, diese große hagere Frau mit der Maske. Wie immer ganz in Weiß. Ihre rechte Hand liegt auf dem Griff des Schwertes, das sie immer an ihrer Seite trägt. Schnurstracks steuert sie auf die Grenze zu, und sie hat doch tatsächlich das Schwert schon halb aus der Scheide gezogen! Das geht ja mal GAR nicht!
Ich brülle
STOP!
Sie erstarrt.
„Wo willst du hin, wenn ich fragen darf?“
Wie ein Turm steht sie da, das Schwert halb aus der Scheide, den Rücken zu mir. Wie eine Salzsäule.
„Wo willst du hin?“ frage ich noch mal, freundlicher.
Sie rührt sich immer noch nicht, aber ich höre ihre brüchige, kratzige Stimme sagen
„Rüber. Den zerleg ich!“
„Huh? Wen? Warum?!?“
„Er hat dich beleidigt!“
„Hä? Unfug und Humbug. Niemand hat mich beleidigt; das wüsst ich.
Reg dich ab! Steck dein Schwert wieder ein und komm zurück.
Sofort!“
Sie rührt sich nicht, sie gehorcht mir nicht, nur das Schwert zuckt noch ein kleines bisschen weiter aus der Scheide.
„Ich zerleg ihn“ flüstert sie heiser
Sie sieht sogar von hinten furchterregend aus.

Ich weiß nicht, wo der Impuls herkommt. Ich lasse die Schaufel fallen, laufe zu ihr und umarme sie von hinten.
Unglaublich, sie wird sofort noch steifer.
„Hey“, sag ich. „Hey, reläx. Das ist nicht gesund, wenn du dich immer so aufregst! Das muss dich doch schrecklich anstrengen. Außerdem will ich hier kein Blut sehen. Von niemandem!“
Die Salzsäule wird ein bisschen weicher. Ich löse meine Arme und drehe sie um. Sie wehrt sich nicht. Sie steht mir gegenüber, meine Hände auf ihren Armen. Ihre weiße, glatte, blinde Maske ist entsetzlich anzusehen.
Ich hebe die Hände zu ihrem Gesicht und nehme ihr die Maske ab. Sie lässt es geschehen.
Darunter ist eine alte Frau. Eine alte Frau mit einem strengen Gesicht, mit tiefen, bitteren Furchen um den Mund und um die Augen. Und in diesen Augen stehen Tränen.
Aber sie blinzelt nicht. Wenn sie blinzeln würde, würden ihr die Tränen über die Wangen laufen, und ich weiß: bevor sie das zuließe, würde sie sich eher selber in ihr Schwert stürzen.
Ich tu so, als sähe ich die Tränen nicht. Ich sage
„Sag mal, hast du nicht diesen schönen großen Kessel?“
Sie runzelt die Stirn, sie überlegt. Sie nickt.
„Den brauch ich, ich will was kochen. Ich erwarte Gäste.“
„Ich weiß nicht…“ sagt sie mit ihrer krächzenden Stimme „Ich weiß nicht genau, wo er ist…“
„Dann such ihn!“ sag ich.
Sie nickt wieder. Setzt sich in Bewegung ins Landesinnere, wo sie ihr Haus hat. In dem irgendwo der Kessel sein muss.
„Lass das Schwert hier!“ sag ich.
Sie dreht sich um. „Mein Schwert? Das habe ich noch nie aus der Hand gegeben!“
„Du brauchst es nicht, im Landesinnern. Ich kanns hier brauchen, an der Grenze. Gibs mir.
Bitte.“
Zögernd gibt sie mir das Schwert.
Dann, mit einem viel leichteren Schritt, eilt sie in Richtung ihres Hauses, den Kessel zu finden.

Gut.

Ich guck mir das Schwert an. Es ist echt schön, ich mag Schwerter. Ich kann mit ihnen umgehen, beim Tanzen geben sie so einen ganz eigenen Schwung, wennde sie geschickt schwingst.
Aber das hier ist wirklich sehr lang und breit und echt schwer.
Weil das hier mein eigenes magisches Reich ist, gehorchen mir die Dinge, wenn ich wirklich WILL. Diesmal will ich wirklich, und das Schwert schrumpft ein zu einem praktischen, scharfen Küchenmesser.
Fein.
Ich stecke das Messer in meinen Gürtel, bücke mich nach der Schaufel und will grad weiterschaufeln,
da steuert an mir vorbei, auf die Grenze zu, eine Frau.
Sie ist aufgedonnert in einem schwarzen Minirock, ein enges Top mit weitem Ausschnitt, der sich bei ihr nicht wirklich lohnt, dazu superunpraktische Highheels. Ich kann nicht genau sehen, wie sie aussieht, sie ist völlig überschminkt.
In den Händen hält sie ein silbernes Tablett, darauf ein riesiger rosa Kuchen.

Nä, neh?

„Und wo willst jetzt du hin mit diesem Zuckerberg?“
Sie dreht sich um, knickst, lächelt süß, und sagt
„Du warst so unfreundlich zu dem netten Mann, er hat sich solche Mühe gegeben, und du hast dich gar nicht bedankt! Ich will mich entschuldigen!“
„Hä?!?
Was geht hier AB!? ARGH!
Komm mal her!“
Sie gehorcht. Immerhin.
So von Nahem sieht der Kuchen noch abenteuerlicher aus. Der dicke rosa Zuckerguss ist verziert mit roten und gelben Herzchen, silbernen Kügelchen, lila Blümchen, grünen Marzipanblättern – mir wird ganz schwummrig von dem Anblick.
„Gib mir mal diesen- Was IST das für ein – Kuchen? Ist da überhaupt Kuchen, unter all dem Zuckerguss?“
„Natürlich!“ sagt sie und zieht eine Schnute. „Ich kann sehr gut backen!“
„Ist das so?
Gib jetzt her!“
Zögernd überlässt sie mir das Tablett. Es ist schwerer als ich dachte, und ein Duft – nein, ein süß-klebriger Geruch von viel zu vielen künstlichen Aromen steigt mir in die Nase. Schawürg!
Ich balanciere das Tablett auf einer Hand, ziehe mein Messer aus dem Gürtel und kratze bisschen an dem Zuckerguss.
„NEIN!“ quietscht sie. „Das darfst du nicht, der Kuchen ist für den netten Mann!“
„Pass auf,“ sag ich, „ich sorg dafür, dass der Mann den Kuchen bekommt, und du gehst und hilfst der alten Lady, den Kessel zu finden und zu schrubben. Wir wollen dann was kochen, wir erwarten Gäste.“
„Gäste? Super!
Ich kann gut kochen!“
„Bestimmt…
Wartet mit dem Kochen auf mich! Unbedingt!“
„Jaa… Meh.“
„Los jetzt!“
Sie wuselt ab.
„Warte mal!“
Sie hält an, und ich geh zu ihr und wische ihr mit meinem (unbenutzen und unbespuckten!) Taschentuch die Farbe aus dem Gesicht. Himmel, die ‚Frau‘ ist ein kleines Mädchen, vielleicht 13 oder so!
„Hast du dir den BH ausgestopft?“
Sie nickt.
„Als erstes zieh dir mal was anderes an!“
„Möh.“
„Du brauchst keinen BH! Lass dir von der Lady was geben, die hat bestimmt nen hübsches weißes Kleid für dich. Und zieh diese Schuhe aus, damit kannst du ja gar nicht richtig laufen.
Ich bring dir dann Tanzen bei, ja?“
„JAH!“ sagt sie. Rennt los, kickt dabei die Highheels von den Füßen. Kleines Mädchen. Ich guck ihr hinterher.

Dann kratze ich den ganzen Zucker von dem Dings auf dem Tablett. Darunter ist ein ziemlich kleiner brauner Kastenkuchen. Ich mach mir ein Stück ab, um zu probieren.
Die Kleine kann tatsächlich was. Scheint mit Honig und Früchten gesüßt, ist richtig lecker.
Ich stell den kleinen Kuchen an die Grenze, als Dankeschön.

Dann mach ich mich auf zu dem Haus, wo die beiden den Kessel schon gefunden, geschrubbt und übers Feuer gehängt haben.
Wir ham zu tun, wir erwarten Gäste. Es wird gutes Essen geben, und Musik, Gesang und Tanzen. Und so. Ich freu mich!

Ego

„Ich erwische mich immer wieder dabei,
wie ich aus meiner Vergangenheit
meine Zukunft konstruiere.“
Kommentar eines Klienten im KISS-Programm

Ich seh das Ego als unser Gefährt im Alltag. Es wird dann ungesund, wenn es sich verselbstständigt und den Kurs angibt. Es ist nur das Vehikel, nicht der Pilot.

Es gibt Aspekte des Egos, die u.U. mal unser Überleben gesichert haben, die aber jetzt obsolet sind. Die wehren sich manchmal mit Zähnen und Klauen gegen ihre Auflösung/Umwandlung. Naja, das ist Todesangst, das Ego mag nicht sterben. Dabei verwandelt es sich eh ständig; außer eben durch irnzwelche Traumata haben sich Egoaspekte so verselbstständigt und verfestigt, dass sie eine Art Eigenleben entwickelt haben und uns ersticken und auf Autopilot laufen lassen, wo das gar nicht mehr nötig ist.

Aber an sich ist das Ego nix ’schlechtes‘, und es muss m.E. nicht um jeden Preis ‚überwunden‘ werden. Nur die Parts, die unsere Weiterentwickliung sabotieren aus Todesangst, die gehören aufgelöst/umgewandelt.

 

Zur Illustration hilft die Karte Die Liebenden der Colman Smith Tarot Karten (bekannt als Rider-Waite):
Mann guckt auf Frau, Frau guckt auf Engel.

 
Wir können den Engel auf dem Bild als die Seele ansehen, als das Höhere Selbst, als die Verbindung zur Quelle, zum Netz (je nach Weltbild bitte Passendes einsetzen).
Die Frau und der Mann bilden dann unser Ego.
Sie repräsentiert u.A. die rechte Gehirnhälfte, die Emotionen, das totale, zeitlose Sein im Hier&Jetzt, Empfindungen, das Sinnliche, das Zyklische etc. pp.
Er repräsentiert u.A. die linke Gehirnhälfte, den Intellekt, die Sprache, das Lineare, das Handeln in der Welt etc.pp.
[Das sind alles KEINE Wesensdefintionen von ‚Weiblichkeit‘ und ‚Männlichkeit‘!
‚Frau‘ und ‚Mann‘ sind hier bloß Symbole auf Tarotkarten, die kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende entstanden, dass das bitte klar ist!)

Wenn ’sie‘ in Verbindung mit dem Engel ist, und ‚er‘ (auf sie schauend und achtend) in Verbindung mit ihr, dann ist alles im Lot und das Ego ist in der Welt und Wirklichkeit die Manifestation unseres, naja, SELBST. Kann mit allem anderen interagieren und heilsam durchs Leben surfen.

Wenn ’sie‘ die Verbindung zum Engel verliert, oder/und er die Verbindung zu ihr, dann … „Houston, wir haben ein Problem!“

Das Ego braucht, wie ich schon schrieb, m.E. nicht überwunden werden. Wenn es sich aber verselbstständigt und meint, es sei der Chef, dann wirds ungesund.

Und vor allem: wenn die Verbindung zum Engel vom Ego nicht gesucht und gehalten wird, dann kriegt das Ego, verloren und isoliert in einer scheinbar sinnlosen Welt, megamäßig Angst. Und aus dieser Angst können grässliche Dinge entstehen. Größenwahn, Minderwertigkeitsgefühle, Hass, Verzweiflung… die ganze Palette.

Das Ego braucht nicht überwunden zu werden. Das Ego braucht Verbindung zum Netz, und es muss gut surfen können. Dann bassts. 8)

 

 

Ich find meine Definition von Ego hilfreich als Werkzeug.
Mehr ist eh nicht drin bei so schwammigen Begriffen.
Das ist doch ne Menge! Denkanstöße und Arbeitshypothesen.

Letztendlich sind das alles nur Worte und Konzepte; Landkarten, die uns bei der Orientierung helfen können. Sie sind nicht das Territorium.