Fügung

Über den inneren Zensor und die Augen der Anderen

Grad lerne ich was über meinen inneren Zensor, und wie ich ihn bekämpfe.

Ich bin absoluter Geschmacks-Nazi und Geschmacks-Snob. Meine Eltern haben mich diesbezüglich stark geprägt. Schlicht, klar, klassisch, elegant. Das Wort „kitschig“ kannte und verstand ich schon als kleines Kind.
Es hat lange gedauert, bis ich gewagt habe, zuzugeben, dass ich z.B. auf bunte Lichterketten stehe.

Und jetzt guck ich mir das zweite, ‚bessere‘ Sonnenschiffbild an und wundere mich.
Es ist weder klar noch schlicht noch elegant… es ist vollgestopft und bunt. Ein leicht punkiges Kinderschiff.
Und ich stelle fest, dass das eine Trotzreaktion auf meinen inneren Zensor ist.

Das ist mir aufgefallen, weil es hier eine ungeplante und sehr willkommen Abstimmung unter den geneigten Leserinnen gab, die eindeutig ergeben hat, dass das erste Bild vom Sonnenschiff angemessen und passend und schön ist.

Tscha, und ich habs nach dem Posten durch die vermeintlichen Augen meiner Eltern gesehen.
Ich habe in Wirklichkeit keine Ahnung, wie meine Eltern das Bild finden.
Ich habe aber leider die verhängnisvolle Neigung, das was ich produziere, durch ‚die Augen anderer‘ zu betrachten und zu bewerten. Und dann zu zensieren.

Mich hat an dem ersten Bild im Nachhinein gestört, dass es so gold-sepia eingefärbt ist.
Dabei gefällt mir das, es passt auch zum Spätsommer/Frühherbst, bloß ist das irnzwie so abgenudelt und unecht, deswegen mochte ichs dann doch nicht.
Außerdem haben mich die Notenlinien gestört. Das sieht auch so gestellt und gewollt aus.

Tatsache ist allerdings, dass nichts gestellt war, sondern sich alles so ergeben hat. Den Farbfilter hatte ich aus Versehen drin, die Notenlinienen waren halt auf dem Blatt Papier, das ich in der Schnelle zum Falten gegriffen hatte.
Also ist das Bild genauso geworden, wie es sich gefügt hat.

Und nach meiner eigenen Überzeugung ist das, was sich fügt, das was sein soll.
Da sollte ich mehr drauf hören, auf meine eigenen Überzeugungen…

Das andere Bild mag ich auch, wirklich, weils halt so bunt ist, mit vielen kleinen Sachen und reich an Alligatoren (im Hintergrund ist noch ein roter, der allerdings nicht zu erkennen ist… Ich weiß halt, dass er da ist.)

Aber wenn ich ehrlich bin: Ja, es ist vollgestopft, im wahrsten Sinne überfrachtet, und das andere Bild lässt Raum für die eigene Fracht.
Das erste Bild ist auch viel besser fotografiert, Winkel und so.

Und was lernt mich das?

Dass ich meiner Intuition mehr vertraue.
Dass ich erkenne, wann mein innerer Geschmacks-Nazi versucht, zu zensieren, was sich doch nun mal gefügt hat.
Dass ich aufhöre, mich und meins durch ‚die Augen anderer‘ zu betrachten. Vor allem, weil ich damit sehr oft völlig falsch liege. Es ist tatsächlich ne Anmaßung, zu meinen, ich wüsste, was andere sehen und denken.
Guck ich doch einfach nur durch meine eigenen Augen, wenn ich das mach, ist das ein Riesenfortschritt!

Also, danke für das ganze Feedback!

 

 

The worst of two worlds 😀