Leben

Das Leben als Videospiel

Ich wollt endlich kurz die Videospiel-Analogie erklären, die mir zur Zeit so gut gefällt.

Es ist schon eine kleine Weile her, da hockte ich in der Straßenbahn und war wieder mal deprimiert wg. der Welt und des Konsums und der Leute und allem. Gründe find ich ja immer.

Ich habe eine Ahnung, aus welchem inneren Sumpf diese depressiven Phasen wachsen, wo sie ihre Wurzeln haben. Es hat was mit Freiheit zu tun, bzw. dem Gefühl, überhaupt nicht frei, sondern der Realität ausgeliefert zu sein.
Dieses Gefühl sitzt sehr tief, und es ist eine neuere Entwicklung bei mir (seit Friedrich), es nicht mehr als ’normal‘ und angemessen hinzunehmen, sondern es zu bemerken und dann abzustellen, so gut ich kann.

Ich hab schon verschiedene Strategien mit Erfolg angewandt, und an dem Tag in der Straßenbahn hat keine davon funktioniert.

Dann ist mir die Videospiel-Analogie eingefallen.
Dabei betrachte ich das Leben als ein Spiel und „mich“ als den Avatar, der darin Abenteuer erlebt. Vetch gibt es nicht wirklich, nur als Figur in diesem Spiel.
Es gibt auch Regeln, klar. Diese Regeln sind NICHT die Regeln und Gesetze des Standart-Realitätstunnels, in dem Vetch sich bewegt. Die sind oft ganz im Gegenteil Hindernisse, über und durch die Vetch sich weiterlevelt. Dabei lernt sie neue Skills, die ihr beim nächsten Level zugute kommen.

Die Regeln, die für Vetch gelten, werden durch das Ziel des Spieles definiert.
Nach den AD&D Regeln, die mein Einstieg in Rollenspiele waren, würd ich sagen, Vetchs Aufgabe ist es, sich von rechtschaffen-gut nach chaotisch-gut zu entwickeln.
(„Ein rechtschaffen guter Charakter handelt so, wie es von einer guten Person erwartet wird oder wie es von ihm verlangt wird.“ – „Ein chaotisch guter Charakter handelt, wie sein Gewissen es ihm vorschreibt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was andere von ihm erwarten.“ Zitate von hier.)

Als mir in der Straßenbahn dieser Gedanke kam — dass ich mich in einem sehr elaborierten Rollenspiel befinde — da verwandelte sich die Welt. Wo ich vorher Tristesse und überraschungsfreie, gleichgeschaltete Langeweile gesehen hatte, war plötzlich Geheimnis und Abenteuer. Alles ist Spiel, jede Person kann der nächste Kontakt sein, eine Aufgabe, eine wichtige Information für mich haben. Wer weiß, welche Lokäischens ich noch betrete, wer weiß, wo mich die Bahn hinfährt, was mich erwartet, was ich Neues lerne!

Und dazu die Gewissheit, dass die Skills, die Vetch bis jetzt gelernt hat, sie genau dahin gebracht haben, wo sie jetzt ist. Wo sie sie brauchen kann, um sie zu verfeinern und weiterzuentwickeln. Oder um neue Skills zu lernen. Und manchmal müssen solche Skills – Fähigkeiten – auch abgelegt werden, weil sie jetzt nicht mehr gebraucht werden und nur noch Slots belegen. Auch Gegenstände können aus dem Inventar geworfen werden, um Platz für Neues zu machen. Oder die Slots bleiben frei, das Reisen mit wenig Gepäck geht ja um so leichter.

Ja, die gefällt mir, die Videospiel-Analogie!


P.S.
Der Typ oben, der so interessant den Mantel öffnet, ist der Merchant aus Resident Evil 4. Er taucht immer mal wieder im Spiel auf. Bei ihm kannste Zeugs loswerden, das unterwegs eingesammelt wurde, und er verkauft auch sehr nützliche Sachen.
Der Zaubertrank ganz oben links ist aus Neverwinter Nights. DAS hab ich gern gespielt! Die Person, die die Bilder fürs Inventar gemacht hat, die ganzen Potions und Bücher und Zauberringe und Zeugs, die hat entzückende, magische, kleine Kunstwerke erschaffen.

Landlust

Neulich hab ich mit einer sehr guten Freundin telefoniert, und die hat mir von einem Buch erzählt, das ich mal lesen möchte, vom Herrn Storl, zu Pflanzendevas. Den Herrn Storl kenne ich erst neuerdings aus einem Filmchen über Brennnesseln (3 n!), den ich anlässlich meiner Brennnesselzucht aufm Balkon neulich geguckt habe. Dieses Wolfsshirt… schauder
Egal. Der Typ ist mir sympathisch.

Meine Freundin hat mir ein bisschen aus dem Buch erzählt und damit in mir den Wunsch geweckt, doch wieder die Jahreszeitenfeste zu feiern. Ma guggn.
Und außerdem habe ich jetzt auf dem Balkon was für die Pflanzendevas aufgestellt, nämlich zwei ganz entZÜCKende Fingerpuppen (die ein Geschenk von eben jener Freundin sind).

Ursprünglich waren das Dr. Freud und Hexe. Nun sind es Friedrich und die Alte Hohepriesterin. Die Hohepriesterin ist, hab ich das Gefühl, SEHR froh inmitten der wuchernden Brennesseln. Raus aus der Jurte und der kahlen, leblosen Steppe rein ins Gewucher und pralle Leben, zusammen mit Friedrich.

Auf unseren Balkons bist du im prallen Leben. Schräg rechts gegenüber wohnen so ungefähr 500 Kinder, von der eher kleineren Sorte. Wenn das deutsche Kinder wären, hätten die alle ADHS und würden mit Ritalin zugedröhnt. Zum Glück kommen sie aus einem Kulturkreis, wo die Mütter nicht „Seid still! Die Nachbarn!“ sondern irgendwas anderes rufen, in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Da die Kinder sehr laut sind, müssen die Mütter noch lauter sein. Das schaffen sie. Beeindruckend.

Es wohnen noch viele andere Familien hier, deren Geräusche wir ständig hören, die 600 Kinder sind halt die lautesten. Dazu kommt oft orientalische Musik, Küchenklappern, Besuch, der gefeiert wird, sehr selten auch mal Streitgebrüll.
Neulich sangen von links unten sehr deutsche, junge weibliche Stimmen irgendwas Lieblich-Unbedarftes mit Klampf dazu.

Ich LIEBE es hier. Es ist laut hier, ja. Ich wills nicht anders. Oh gosh, ich liebe es hier so sehr. Ich bin dankbar!

Für die Pflanzendevas habe ich noch die kleine Hummelfrau aufgehängt, die hab ich mal selbst gemacht, frei nach den Nanas von Nicki de Saint Phalle.

Die Tentakelpflanze von letztem Jahr ist wieder auf dem Weg zur Weltherrschaft:

Als ich mal zu viele Sojabohnen eingeweicht habe, habe ich paar davon in nen Blumenkasten gelegt. Bin gespannt, wie die sich noch weiter entwickeln:

Die ersten Blüten schlüpfen:

In dem Kasten, den wir im Frühjahr nicht ausgeleert haben, ist einfach gewachsen, was vom letzten Jahr noch da war, und da blühts schon richtig:

Und die gekaufte Minze und der gekaufte Salbei (aus friedfertiger Landwirtschaft – dort wird Spargel  nicht gestochen, sondern aus der Erde gekuschelt HAHAHAargh) also, die fühlen sich auch wohl.

Alle Kästen haben vor ein paar Tagen eine deosprühergroße Ladung Brennnesseljauche abbekommen, die ich in einem Winzblumenpott mit Blättern unserer Winzbrennnesselzucht angesetzt habe. Daraufhin hatten wir kurzzeitig richtig Landluft aufm Balkon.  ❤

blubber

Tout est pardonné

Daran muss ich immer denken. Ich bin froh, dass unser Fernseher zur Zeit nicht geht. Wir hatten heute Putztag, und ich hab zwischendurch mal schnell Mails gecheckt. Frankreich und Paris wurden erwähnt, so selbstverständlich, als müsste ich wissen, worum es geht. So ahnte ich Schreckliches.

Ich bin froh, dass unser Fernseher nicht geht, denn ich möchte nicht darüber nachdenken, was sich in der Konzerthalle abgespielt hat – oder was für eine grauenhafte Adrenalin-Horror-Energie einen Mann durchströmt, der weiß, dass er bald gewaltsam sterben wird, und dabei so viele mitzunehmen gedenkt, wie nur möglich.

Ich möchte auch nicht darüber nachdenken, was das jetzt für politische Folgen haben kann. Wenn ich phantasielos, aber logisch weiterspinne, komme ich in ein Szenerio, in dem die Mörder gewonnen haben. In dem sie uns dahin gebracht haben, wo sie uns haben wollen. Dort, wo sie selber sind.

Nein.

Ich mag, was Amazon heute macht. Sie haben die Französische Flagge auf ihrer Seite, und ein Wort: Solidarité.

Kein „pray for“ (es soll ja Leute geben, die nicht religiös sind), keine Flagge auf Halbmast, kein schwarzer Balken. Auch kein Gegen, kein Ab- und Ausgegrenze. Nein. Solidarité. Zusammen.

In der Mittagessenputzpause haben wir noch mal über das Titelbild von Charlie Hebdo gesprochen, das nach den Morden an den Redaktionsmitgliedern erschienen ist. Der weinende Mohammed, die Worte „Tout est pardonné“ – Alles ist vergeben. Ich hab auch weinen müssen. Die einzig angemessene Reaktion. Charlie Hebdo, dieses freche, alberne Blättchen, solche Größe!

Es mag sein, dass wir durch solche Schockereignisse dahin kommen, dass wir neue Wege gehen müssen, uralte Wege. Dass wir nicht so reagieren, wie erwartet, sondern sagen Jetzt erst Recht! Charlie Hebdo, so höre ich, hat heute empfohlen, mit Musik, Küssen und Champagner das Leben zu feiern.

Zusammen.

 
 

Der Eingang der Halle der Vereinten Nationen wird von einem Zitat von Saadi (ca. 1200-1290) geschmückt.

بنی آدم اعضای یک پیکرند
که در آفرينش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عضوها را نماند قرار
تو کز محنت دیگران بی غمی
نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibes von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

 

Nous Sommes Unis
https://secure.avaaz.org/de/paris_solidarity/?cAlPUhb

 

Stories are Maps

oder
Wie aus einem Satz eine Umherschweif-
und Gedankenwanderkarte wird.

mit viel Englisch

 

Neuerdings beschäftige ich mich mit Idries Shah, der ganz wunderbare Bücher zum Sufi-Sein geschrieben hat.
Im (sehr lesenswerten!) Eintrag der englischsprachigen Wikipedia zu ihm bin ich einem Gedanken begegnet, den ich schon lange liebe.

Unten im Abschnitt über Teaching Stories ist ein Auszug aus In Arabian Nights, einem Buch von Tahir Shah (Sohn von Idires Shah). Sein Vater hat ihm und seinen Bruder viele Geschichten erzählt und wird dazu zitiert:
These stories are technical documents, they are like maps, or kind of blueprints. What I do is show people how to use the maps, because they have forgotten.
Dies ist eine Lehrmethode der Sufis. Lehren durch Geschichten. Geschichten, die wie Landkarten sind.

Als ich das las, fiel mir natürlich sofort der Satz STORIES ARE MAPS ein.

Diesen Satz habe ich zum ersten Mal in dem schönen Notizbuch gefunden, das ich letztes Jahr in Berlin gekauft und dem Oger geschenkt habe.
Der Satz hat mich beim Durchblättern im Laden sehr angesprochen und hat wahrscheinlich den Ausschlag zum Kauf gegeben.

Gezeichnet ist er dort mit J. Winterson, ein mir bis dato unbekannter Name.

Gestern habe ich mir auf ello zufällige Beiträge anzeigen lassen, und da bin ich auf etwas gestoßen, das mir just jetzt einfällt. Denn was die Autorin da beschreibt, kommt mir vor wie das Erzählen einer Geschichte mittels einer Landkarte mit vielen Orten, die erkundet werden. Statt einer graden Straße zu folgen: Writing Matriarchy: Weaving Stories Together.

Heute habe ich im Netz nach „Stories are Maps“ gesucht.

Ich fand ein anderes Foto aus einem andern Notizbuch desselben Künstlers (DeafMessAnger).

Dann einen Auszug aus The Powerbook von Jane Winterson. In dem genau dieser Satz vorkommt.
Ich hab da eben ein bisschen drin gelesen, und was ich gelesen habe, hat mir gefallen. Mir gefällt auch der Titel The Powerbook, der wiederum gut zu dem schönen Notizbuch passt.
Was wir daraus machen können.

Dann fand ich schön zu lesende Erinnerungen eines ägyptischen Autors – Ihab Hassan -, der sich von Landkarten inspirieren lässt: Maps & Stories.

Und dies hier:

In seinem Vortrag erwähnt Julian Burrett eine Landkarte, die beim Auswendiglernen hilft: Die Loci-Methode.
Damit werden nicht nur Karten erschaffen, es werden auch Paläste errichtet.

Und worauf will ich mit diesem Eintrag hinaus?
Auf nichts Bestimmtes. Ich bin nur einem Satz gefolgt und hier und da umher gewandert. Hab bisschen kartographiert und paar schöne Aussichten gefunden.

Stories are Maps.

Impulse

Immer erst mal das Naheliegende tun.
Und wenn ich mich danach langweile,
kann ich meinen Impulsen nachgehen.
So schicke ich Impulse
die grad nicht passen
freundlich
WEG
im Vertrauen
Ich will vertrauen!
dass sie zur passenden Zeit wiederkommen.
Wenn die Zeit passt
ehre ich sie und nähre mein Vertrauen
indem ich ihnen Aufmerksamkeit schenke
und ihnen dann nachgehe
oder sie kompostiere.