Lord Dunsany

Wie der Feind nach Thlunrana kam

Mal wieder ausgelöst durch Posts von Sólveig, diesmal u.A. zu Elfen und zu Freyr, durch zwei Träume, Nachdenken, im Herzen bewegen und Beobachten dessen, womit ich mich selbst zur Zeit so umtreibe und beschäftige und erfreue (und womit nicht) — kam mir der Einfall, dass ein Aspekt von „Elfen“ vielleicht gar keine so fremde Kraft von außerhalb ist, sondern etwas, das wir in uns wecken können.

Besonders gepiekst hat mich die Information in Sólveigs Freyr-Artikel, dass Freyr zur Götterdämmerung ohne Schwert antritt. Was nicht bedeutet, das er unbewaffnet ist.

Elfen, Alben, albern ~ ich will nicht weiter versuchen, meine Gedanken und Empfindungen in Worte zu fassen; mir kam stattdessen der Impuls, eine ganz kurze Geschichte von Lord Dunsany ins Deutsche zu übersetzen.

Lord Dunsany ist derjenige, bei dem Tolkien und Lovecraft gelernt haben. Was er den beiden voraus hat, ist-
Na, die folgende Geschichte wird es zeigen.

Ich bitte um Nachsicht mit meiner Übersetzung. Das Original folgt dahinter; es ist inzwischen public domain, darum kann ich es hier vollständig einstellen. Es gibt natürlich deutsche Übersetzungen, aber da ich an denen keine Rechte habe, hab ichs halt selber gemacht. Ich habe mich bemüht, den atmosphärischen, mit Adjektiven üppig durchtränkten, schwülstig-altmodischen Stil getreu wiederzugeben, und auch die langen Sätze habe ich nicht gekürzt.

Für mich eine der genialsten Geschichten überhaupt; passt eigentlich immer, und vor allem auch hier & jetzt zum Zeitgeschehen. Und ganz persönlich ist es genau das, was mir heilsam gut tut.

 

 

WIE DER FEIND NACH THLUNRANA KAM

Vor langer Zeit ward es prophezeit, und geweissagt in alten Tagen, dass über Thlunrana sein Feind kommen werde. Und der Zeitpunkt des Untergangs war bekannt, und das Tor, durch das er hereinkommen würde, doch niemand hatte vorhergesagt, wer der Feind sei, nur dass er von den Göttern komme aber bei den Menschen wohne.
Unterdessen war Thlunrana, dieses geheimnisvolle Lamakloster, diese Hauptkirche der Zauberkunst, der Schrecken des Tales, in dem es stand, und der Schrecken all der Länder umher. So schmal und hoch waren seine Fenster und so seltsam des Nachts beleuchtet; sie schienen die Menschen mit anzüglichem, dämonischen Hohn zu belächeln, wie etwas, das im Dunkeln Geheimnisse hegt. Wer die Magier dieses verstohlenen Ortes waren, und die Vize-Magier, und der Große Erzmagier, das wusste niemand, denn sie gingen verschleiert und mit Kapuzen und ganz in Schwarz verhüllt.

Obwohl sein Untergang unmittelbar bevorstand und der Feind aus der Prophezeiung in just dieser Nacht durch die offene, südliche Tür kommen sollte, die Das Tor des Untergangs genannt wurde, trotz dem blieb das steinige Bauwerk Thlunrana unerklärlich still, altehrwürdig, schrecklich, dunkel und grauenhaft gekrönt von seinem Schicksal. Es geschah nicht oft, dass jemand wagte, des Nachts nah Thlunranas zu streifen, wenn das Stöhnen der Magier, die wir wissen nicht Wen beschworen, undeutlich aus den inneren Gemächern aufstieg und vorbeisegelnde Fledermäuse erschreckte: doch in der allerletzten Nacht kam ein Mann von der mit schwarzem Schilf gedeckten Kate bei den fünf Kiefern, denn er wollte Thlunrana noch einmal sehen, bevor der Feind, der göttlich war, doch bei den Menschen wohnte, über es käme und es auslöschte.
Das dunkle Tal hinan ging er wie ein tapferer Mann, aber seine Angst lastete mächtig auf ihm; sein Wagemut ertrug das Gewicht, doch war er ein wenig gebeugt davon. Er ging hinein durch das südliche Tor, genannt Das Tor des Untergangs. Er kam in einen dunklen Saal und stieg eine Marmortreppe hinauf, um zum letzten Mal Thlunrana zu sehen.

Oben hing ein Vorhang aus schwarzem Samt, und er ging hindurch in einen Raum, üppig verhängt und von einer Finsternis durchdrungen, die schwärzer war als alles, was Vorhänge erzeugen konnten. Weiter dahinter, in einer tristen Kammer, die durch einen leeren Bogendurchgang zu sehen war, betrieben Magier mit brennenden Kerzen in den Händen ihre Zaubereien und flüsterten Beschwörungen. Alle Ratten machten sich fort von diesem Ort und flohen pfeifend die Treppen hinab. Der Mann aus der schwarzbeschilften Kate durchschritt dieses zweite Zimmer: die Magier sahen nicht nach ihm und hörten nicht auf, zu flüstern. Er ging von dort durch schwere Vorhänge, nach wie vor aus schwarzem Samt, und kam in einen Raum aus schwarzem Marmor, wo nichts sich regte. Nur eine Kerze brannte in dem dritten Raum; es gab keine Fenster. Auf dem glatten Boden, zwischen den glatten Wänden stand ein seidener Pavillon, die Vorhänge eng zugezogen: dies war das Allerheiligste jenes unheilvollen Ortes, sein innerstes Geheimnis. An jeder Seite davon kauerte eine dunkle Gestalt, entweder Mann oder Frau oder verhüllter Stein, oder Tiere, die gelernt hatten, still zu sein. Als die schreckliche Starre des Mysteriums so groß war, dass er sie nicht mehr ertragen konnte, ging der Mann aus der schwarzbeschilften Kate bei den fünf Kiefern hin zu dem seidenen Pavillon, und mit einem kühnen und nervösen Griff zog er den Vorhang beiseite, und er sah das innerste Geheimnis, und er lachte.

Und die Prophezeiung erfüllte sich, und Thlunrana war nie mehr der Schrecken des Tales, denn die Magier verließen ihre grässlichen Hallen und flohen durch die weiten Felder, sie heulten und schlugen sich an ihre Brust, denn Lachen war der Feind, dem bestimmt war, über Thlunrana zu kommen, durch das südliche Tor (genannt Das Tor des Untergangs), und Lachen ist göttlich und weilt bei den Menschen.

 

 

HOW THE ENEMY CAME TO THLUNRANA

It had been prophesied of old and foreseen from the ancient days that its enemy would come upon Thlunrana. And the date of its doom was known and the gate by which it would enter, yet none had prophesied of the enemy who he was save that he was of the gods though he dwelt with men. Meanwhile Thlunrana, that secret lamaserai, that chief cathedral of wizardry, was the terror of the valley in which it stood and of all lands round about it. So narrow and high were the windows and so strange when lighted at night that they seemed to regard men with the demoniac leer of something that had a secret in the dark. Who were the magicians and the deputy-magicians and the great arch-wizard of that furtive place nobody knew, for they went veiled and hooded and cloaked completely in black.

Though her doom was close upon her and the enemy of prophecy should come that very night through the open, southward door that was named the Gate of the Doom, yet that rocky edifice Thlunrana remained mysterious still, venerable, terrible, dark, and dreadfully crowned with her doom. It was not often that anyone dared wander near to Thlunrana by night when the moan of the magicians invoking we know not Whom rose faintly from inner chambers, scaring the drifting bats: but on the last night of all the man from the black-thatched cottage by the five pine-trees came, because he would see Thlunrana once again before the enemy that was divine, but that dwelt with men, should come against it and it should be no more. Up the dark valley he went like a bold man, but his fears were thick upon him; his bravery bore their weight but stooped a little beneath them. He went in at the southward gate that is named the Gate of the Doom. He came into a dark hall, and up a marble stairway passed to see the last of Thlunrana.

At the top a curtain of black velvet hung and he passed into a chamber heavily hung with curtains, with a gloom in it that was blacker than anything they could account for. In a sombre chamber beyond, seen through a vacant archway, magicians with lighted tapers plied their wizardry and whispered incantations. All the rats in the place were passing away, going whimpering down the stairway. The man from the black-thatched cottage passed through that second chamber: the magicians did not look at him and did not cease to whisper. He passed from them through heavy curtains still of black velvet and came into a chamber of black marble where nothing stirred. Only one taper burned in the third chamber; there were no windows. On the smooth floor and under the smooth wall a silk pavilion stood with its curtains drawn close together: this was the holy of holies of that ominous place, its inner mystery. One on each side of it dark figures crouched, either of men or women or cloaked stone, or of beasts trained to be silent. When the awful stillness of the mystery was more than he could bear the man from the black-thatched cottage by the five pine-trees went up to the silk pavilion, and with a bold and nervous clutch of the hand drew one of the curtains aside, and saw the inner mystery, and laughed.
And the prophecy was fulfilled, and Thlunrana was never more a terror to the valley, but the magicians passed away from their terrific halls and fled through the open fields wailing and beating their breasts, for laughter was the enemy that was doomed to come against Thlunrana through her southward gate (that was named the Gate of the Doom), and it is of the gods but dwells with man.

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