Mirsakarim Norbekov

Verkörpern von Freude…

Ich hab eben angefangen, einen Kommentar zu einem Artikel von C.A.A. zu schreiben, der so ausgeufert ist, dass ich daraus lieber einen eigenen Blogbeitrag mache.

was habe ich vom Leben und der Welt realistisch zu erwarten? Immer wenn ich mich öffne merke ich, dass die Welt ein schrecklicher Ort ist, voller Gewalt und Dunkelheit. Ich fühle mich hier so falsch, mit meinen überfließenden Gefühlen, mit meiner verf*** Empathie und meiner Gutmütigkeit. Die Welt ist so krass laut und wirr. Ich wollte immer anderen helfen. Soweit ich zurück denken kann, habe ich versucht, oft sogar unbewusst, anderen zu helfen. Ich habe so viel von mir selbst dabei verloren. Der Preis, den ich dafür zahlen musste, war hoch. Und die schlimmste Einsicht dabei: Ich kann niemanden retten. Ich muss aushalten, dass andere vor meinen Augen mit Fullspeed an die Wand fahren, sterben, sich Schlimmes antun und erleben. Ich kann es nicht verhindern, ohne selbst dabei Schaden zu nehmen.

hier

Ich empfinde sehr ähnlich.

Also, die erste Erkenntnis: Ich helfe andern vor allem dadurch, dass es mir gut geht. Ich weiß das von andern Leuten, denen es gut geht: Sie sind eine Energiequelle für alle, die mit ihnen in Berührung kommen.
Wie werde ich so eine Person?

Und ich wünsche mir ja auch eine Gemeinschaft – fellowship – von Menschen mit Niveau und Herzensbildung (altmodische, doch zutreffende Wörter), gemeinsame Visionen, gemeinsames Verwirklichen, Austausch, Kunst, Craft, Kultur… y’know. =) Und ja, im Netz gibts das, doch es ist eben nicht VOR ORT, und vor Ort ist nun mal das Hier&Jetzt, wo’s stattfindet. Das Leben.

Wie werde ich also eine Energiequelle auch für andere?

Ich übe zur Zeit das Verkörpern, was ’nur‘ bedeutet, wahrzunehmen, was in mir stattfindet und DA zu sein, nicht abzuschweifen in Fluchtphanatasien.
Mir ist neulich im Bus aufgefallen, dass ich nicht DA sein wollte, weil ich, wie ich erstaunt bemerkte, Angst von den Leuten um mich herum hatte und mich quasi aus der Situation und aus meinem Körper rausgenommen habe mit Tagträumen. Ne ganz ’normale‘, alltägliche Sache, die mir nie zuvor aufgefallen war.
Wo überall ich Angst habe, und was ich mir für Strategien der Flucht angewöhnt habe. Eine milde Form, eine Vorstufe, denk ich, von Dissoziation. Eine Form, die die meisten von uns oft anwenden.

Ich glaube, wenn viele von uns das nicht täten, würden wir vieles nicht lange aushalten – die grässlichen, hässlichen Städte, in denen viele von uns ‚leben‘, grauenhafte Arbeitsbedingungen – z.B. oft den ganzen Tag lang in Kunstlicht, ohne einmal den Himmel und wirkliches Tageslicht gesehen zu haben – wenn wir uns nicht mental aus unseren Körpern nehmen könnten, würden wir wahrscheinlich sehr schnell eingehen oder zu aggressiven AxtmörderInnen.

Nur, ich möchte DA sein, also möchte ich in einer Welt leben, wo das DAsein Freude macht. Und wenn ichs versuche – s.o., das Zitat.

Was also tun? Ich übe das Verköpern, und ich übe Freude – dabei helfen mir zur Zeit Alana Greene und Mirsakarim Norbekovs Eselsweisheit. (Das Buch ist klasse; mehr weiß ich von dem Hern nicht. Ich denke, ich mag ihn.) Beide erklären sehr überzeugend und inspirierend etwas, das nicht wirklich neu und doch von mir (und vielen vielen andern) leider sehr vernachlässigt wurde:
Um Freude zu erleben, um Freude ins Leben zu ziehen, müssen wir Freude spüren. Jaja, erst die Freude spüren, und dann kommt, was dazu passt. Nicht umgekehrt. Wenn ich z.B. sage: Erst mal brauch ich hier vor Ort tolle Leute und ne funktionierende Gemeinschaft, und dann bin ich froh – jo, dann werd ich halt für den Rest meines Lebens unfroh vor mich hindümpeln. Damit hab ich bereits viel zu viele Jahre verschwendet, also übe ich jetzt mal was anderes. Ich übe, die Freude über diese funktionierende Gemeinschaft hier vor Ort Hier und Jetzt zu spüren, zu glühen und zu strahlen, und dann guck ich mal, was passiert. So weit ich’s jetzt bereits hinbekomme, mach ich gute Erfahrungen damit. Kleine feine Ansätze.

Was ich allerdings die Tage auch feststellen musste: Ich bin richtig entsetzt, wie negativ, wie traurig bzw. depressiv meine Grundgestimmtheit ist. Im Frohsein bin ich ungeübt. Grauenhaft, grässlich ungeübt. Diese Erkenntnis hat mich dann noch mal extra deprimiert. In guten Momenten, die es auch gibt, kann ich darüber herzlich lachen. 😛

Und gestern ist mir noch was aufgefallen:
Über mein geradezu verbittertes Bemühen, Freude zu spüren (auch einen Lacher wert) habe ich das Verkörpern vernachlässigt: Wahrzunehmen, was in mir hier und jetzt IST. Wenn in mir nun mal Melancholie und leichte Angst und der ganze blöde alte Mist unfröhliche Urständ feiern, dann hilft es überhaupt nicht, zu versuchen, da krampfhaft Freude drüber zu klatschen. Ich kann lächeln wie ne Blöde, ich kann beschließen, innerlich zu strahlen – froh werd auf diese Weise nicht.

Also hab ich meinen Schwerpunkt wieder aufs Verkörpern verlagert. Ich stelle fest: Wenn ich wahrnehme – WAHR NEHME – als Wahrheit anerkenne und zulasse und wirklich spüre, was in mir drin los ist, den ganzen Mist, die latente Angst, die Traurigkeit, den Ärger, wenn ich das zulasse und reinspüre, dann löst es sich auf. Und DANN kommt die Freude.

Dass wir unsere Emotionen wahrnehmen müssen, um sie zu zu transformieren und aufzulösen, das ist auch überhaupt keine neue Erkenntnis. Ich bin sicher, dass ich selbst hier im Blog schon oft genau das gepredigt habe. Was mich erschreckt: Wie schwer es mir fällt, und wie schnell ich wieder vergesse.

Wobei das kein Wunder ist, denn die meisten von uns haben nun mal was anderes gelernt, damit wir gut funktionieren in dieser so grauenhaften Normalität, die uns als „die Welt“ verkauft wurde. Ich annuliere dieses Geschäft!
Und ich höre auf, mit mir zu hadern. Ich bemühe mich, ich tu was ich kann, und ich kann mir auf die Schulter klopfen, weil ich tapfer jeden Tag aufs Neue weiterübe, trotz Rückschlägen. Der Herr Norbekov hat geschrieben, wir sollen üben, uns selber zu loben für das, was wir jeden Tag schaffen. Das mache ich jetzt; ich habs meiner täglichen Dankesammlung hinzugefügt, die ich nach wie vor (fast) jeden Tag weiterführe.

Jo… das wollte raus. Zum Verkörpern und zum Freude spüren wollte ich schon lange was geschrieben haben, nur hab ich dazu noch die schlichte Erkenntnis von gestern gebraucht: Erst spüren was IST, das anerkennen, wahrhaben, LASSEN, dann kann es sich auflösen, und dann kann Freude aufkommen. Und dass ich Geduld mit mir habe, auch wenn ich miesepetrig bin. Ich hab halt mit dem zu üben, was IST.

 

 

Advertisements

Don’t take the Sign

Mal wieder was aus der Bastelhecke. Letztendlich.

Über die Leute, die sich wg. der Barcodes Sorgen machen, wird reichlich gespottet. Die böse böse Bardcode-Verschwörung – an sowas glauben nur Leute, die ununterbrochen Aluhüte tragen.

Ich habe Aluminium so gut es geht aus meinem Haushalt verbannt; dieses giftige, umweltverbrunzende Material kommt mir weder an meine Lebensmittel, noch um meine Teelichter, noch auf den Kopf. Das also geklärt.

Barcodes mag ich allerdings genausowenig wie Aluminium. Seit es sie gibt, kann ich sie nicht leiden. Sie sind HÄSSLICH. Sie stören mich, sie verderben schöne Verpackungen, sie machen, dass alles an einer Stelle gleich, fremd und, ja, fremdbestimmt aussieht.
Wenn mich Preisschilder gestört haben, konnte ich sie – meistens – mit Geduld und Liebe rückstandsfrei abpuhlen. Barcodes sind aufgedruckt, und sie gehen nicht weg. Das heißt, doch, sie gehen weg, es braucht nur bisschen mehr Einsatz beim Puhlen.

Sie sind auf Schachteln und auf ansonsten schönen Blechdosen, auf CD- und DVD-Cover gedruckt, auf Büchern-

Auf BÜCHERN!

Heilige, magische Bücher werden auf ihren Einbänden mit scheußlichen Barcode Strichen besudelt!

Ich bin froh und dankbar, dass die Überzahl meiner Bücher im Regal aus der prä-Barcode Zeit stammt. Bei manchen neueren Anschaffungen habe ich den Schutzumschlag abgemacht, bei anderen habe ich den Barcode überklebt.
In den letzten Monaten habe ich festgestellt, dass das Überkleben von Barcodes mir nicht genügt. Sie sind immer noch da, und das stört mich. In meinen Augen sind Barcodes ein Zeichen von Empire. Und Empire – das ist die herrschende zivilisatorische Trance. Die Trance, innerhalb derer Menschen, die in einer heilsamen Welt voller Freundlichkeit, Achtsamkeit, Respekt vor der Schöpfung und, ja, Schönheit leben wollen, als ’naiv‘ abgetan werden. Ich sach euch, was naiv ist! Es ist naiv, zu glauben, es ginge so weiter. Es ist naiv, zu glauben, wir könnten uns gegenseitig und die Tiere und den Planeten weiterhin so quälen und ausbeuten.

Eya… ich schweife ab. Barcodes auf Büchern. Vor allem auf Taschenbüchern, die keinen Schutzumschlag haben und wo der Barcode hinten drauf prangt.

Ich habe begonnen, diese Barcodes rauszuschneiden. Bis jetzt erst bei zwei Büchern, die mir grad ganz besonders am Herzen liegen, in denen ich täglich lese und die ich überallhin mitnehme:

Die sehen hinten jetzt so aus:


Das ist von Caspar David Friedrich. Da guggste!


Da ist mir doch ein Fitzel Papier unter das Klebeband geraten. Macht nix! =)

Jaja, für viele Leute wäre sowas unvorstellbar und eine viel schlimmere Besudelung als der Bardcode — ein Frevel! Büchereinbände zu zerschneiden (und dann noch so unakkurat) und zu bekleben. Ich dagegen liebe Dinge genau so. Für mich ist das Kunst, wirklich. Kunst im Sinne von craft. – Magie. Auf diese Weise sind diese beiden Bücher einmalig, sie sind von mir berührt worden (passend, denn sie berühren mich auch) und ich finde sie auch viel VIEL schöner als vorher.

Mir hat mal jemand gesagt „I love how you touch everything in the house and turn it into something unusual.“ (Mir gefällt so, wie du alles im Haus berührst und es in etwas Ungewöhnliches verwandelst.) Das war in den 80ern und ist für mich immer noch eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe.

Sollte jemand genau wissen wollen, wie ich das gemacht habe: Mit der Scherenspitze in den Barcode gestochen, von dem Loch aus den Code ausgeschnitten. Das Fenster als Schablone verwendet: Mit einem Stift auf ein buchdeckeldünnes Pappstück mit nem hübschen Muster das ausgeschnittene Fenster nachgezeichnet (bzw. gedrückt mit nem alten Kuli, dessen Mine leer ist), ausgeschnitten, in das Fensterloch gelegt (nach Bedarf noch mit nem Farbstift umranden – hier mit Goldlack) und schließlich mit dünnem, breiten, durchsichtigen Klebeband überklebt. Von innen im Buch etwas dagegen geklebt – in dem einen habe ich bloß braunes breites Papierklebeband genommen, was für meinen Geschmack schön genug aussieht. Beim anderen Buch hatte ich einen hübschen, grad ausgedruckten EX LIBRIS Aufkleber zur Hand und hab den genommen.

Yöh. Wenn ich so weiter mache, ist unsere Wohnung bald barcodefreie Zone. In vier bis fünf Jahren, wenn ich jeden Tag welche aufspüre und eliminiere. Hehe. Eine Frau braucht sinnvolle Aufgaben. Jetzt wisst ihr auch, warum ich nur noch so selten blogge… 😛

Smooches.

Eselsweisheit

Ich hab mir gestern dieses Buch gekauft. Ich schleich da schon seit einiger Zeit drumrum und war vordem zu geizig, dem Hype zu folgen. Nu setzt bei mir die Altersweitsichtigkeit ein, ich hab jetzt so ne Billigbrille, und wenn ich sie aufsetze (immer öfter) krieg ich nen Frustanfall, weil mir einfällt, dass ich vor nicht allzulanger Zeit ohne Brille noch so klar und deutlich sehen konnte

Naja, hab ich mir also das Buch gekauft, gestern, weil ich mir zum ersten Urlaubstag was schenken wollte. Ich war in der letzten Zeit sehr ausgelaugt und erschöpft und hab viel gehadert mit mir.

Am 19. hatten wir Weihnachtsfeier im Kontaktladen, heute ist mein erster Tag Urlaub, ich muss aber Mo noch mal kurz rein, weil ich noch ein Formblatt ausfüllen muss zum Jahresende (Verbesserungsmanagement, eine QM Vorgabe).
Gleich muss ich in die Kung fu Schule zu einer Filmvorführung. Morgen hab ich ein nicht angenehmes familiäres Telefongespräch zu führen. Gestern auf dem Heimweg aus der Stadt hab ich noch einen Klienten im Bus getroffen. Einen, der mich anzüglich angrinst und mich „goldig“ findet.

Ich kann mir ja wünschen, dass ich jetzt mal meine Ruhe hab und frei bin von Angesaugt werden und Terminen und unangenehmen Pflichten.
Und dann nach den Ferien ist alles gut, oder was?
Ich glaub, es ist heilsamer und nützlicher, wenn ich alles annehme und mich nicht drin verhedder.

Ich übe…

Donnerstag hatten wir Weihnachtsfeier im Kontakladen, es war voll und wg. mancher sehr breiter Leute auch sehr laut, was wieder andere BesucherInnen bisschen irritiert hat. Trotzdem gute Stimmung, nie Aggression.
Zuhause war ich total am Arsch und hätte fast geheult.

Mir fallen grad ständig Sachen ein, da ich nicht zufrieden mit mir bin. Die Guten Sachen, die’s auch gibt, fallen mir nicht ein. Ich glaub, ich hab ne leichte Depression. Ich bin froh, wenn der Mo rum ist und ich mal knappe 3 Wochen nix mit der Arbeit zu tun hab.

Ich erlebe zum ersten Mal dass ich wg. KlientInnen zuhause noch rumhadere. Ich finde bei mir selber viele Unklarheiten im Verhalten. Und ich fühle mich emotional ausgelaugt und angesaugt.
Ich denke, da besteht ein Zusammenhang.
Ich zerferzel mich auch zu sehr. Ich hoffe, dass das im neuen Jahr besser wird, wenn der Winter-Weihnachts-Kram auf Arbeit vorbei ist, und wenn ich nur jedes zweite WE nach Mannheim fahre.
Ich hab mir dieses Augenübebuch – Eselsweisheit – gekauft, um mir was Gutes zu tun.

Ziemlich am Anfang von dem Buch ist ein Zitat, das mir sofort geholfen hat, mich besser von der Bedürftigkeit anderer abzugrenzen.
Ich bin ja selber grad bedürftig; lauter Bedürftige, Ausgelaugte auf einem Haufen…

… der Autor hatte einen Heiler und dann Lehrer, nen alten Mann (erzählt er), und der Autor war chronisch Nierenkrank und ist zu dem hin, und der Alte schickt ihn weg mit den Worten:

„Geh mit Gott, mein Sohn. Ich behandle keine Leichen. Du bist gekommen, um deine Wampe an meinen alten Hals zu hängen, damit ich auf der Suche nach Wegen zu deiner Heilung was zu leiden habe. Nein – so nicht! Wenn du wieder zu leben begonnen hast, dann komm!“
Jo, so sitze ich gestern Abend auf dem Sofa, müde, erschöpft, alle Lampen an, meine Brille auf der Nase, und lese das Kapitel, wo er das Kloster der Feueranbeter besucht.
So gegen Mitte der Geschichte beginne ich zu lächeln (die, die Geschichte kennen, wissen warum :)).
Im letzten Drittel der Geschichte beginne ich zu kichern. Das Weiterlesen wird unterbrochen von immer heftigeren Kicheranfällen.
Tränen steigen hoch (fühlt sich gut an, in meinen leicht brennenden, trockenen Augen), das Kichern lässt meinen ganzen Leib vibrieren.
Ich hab grad die Geschichte zuende, da düdelt das Telefon. Schnuuusel! Ich geh hin, nehm meine Brille ab, und da seh ich, dass innen die Gläser mit kleinen Lachtränentröpfchen bespritzt sind.

Ich bin froh, dass ich das Buch gekauft habe. Mir gehts besser seitdem. Und wenns mir einfällt (immer öfter), lächle ich.
Und das Filmgucken in der Kung fu Schule hab ich grad abgesagt.

 

edit April 2018:
Ich habe das Buch aktuell wieder rausgekramt, um dem Gefährten die Geschichte aus dem Kloster der Feueranbeter vorzulesen. Sie ist immer noch so klasse. Das ganze Buch ist klasse, wie klasse, das wird mir erst jetzt immer deutlicher. Besonders glücklich gegrinst hab ich, als ich diesmal das Vorwort las, in dem behautet wird, der Autor sei Sufi. Soweit ich das beurteilen kann (das kann ja letztendlich nur The Beloved) ist Mirsakarim Norbekov Sufi, oh ja!