Nazi

Samstag, 1. Juli & Sonntag, 2. Juli & Dienstag, 11. Juli ~ Dankesammlung

Ich habe grad in meinem Kalender geguckt und festgestellt, dass noch Dankesammlungen vom 1. bis zum 6. Juli nachzuliefern sind. Ich hab keine Lust, sie zu schreiben, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass von euch jemand Lust hat, sie zu lesen, und doch – ich habs mir vorgenommen. Also durch, die nächsten zwei alten Tage, kurz und knapp. Und Gedichte gibts auch heute nicht. Ich hab beschlossen, dass ich mir diesbezüglich die ganze Woche frei gebe. Und dann seh ich weiter.

 

Samstag, 1. Juli

Wegen dieses Tages sind wir nach Köln gefahren: Die Frau meines Vaters feierte ihren Geburtstag. Es war sehr viel los an dem Tag, und ich glaube, deswegen hab ich auch den Stau beim Nachliefern meine Dankesammlungen. Es war nämlich der Tag, da ich unter den Gästen diesen grauenhaften Nazi erleben musste. Dafür bin ich eher nicht so dankbar.
Und ich will auch davon erzählen und weiß nicht so recht, in welchem Rahmen. Hier&Jetzt:
Der Typ ist 47 Jahre alt, sehr reich, gut vernetzt, hat zwei Kinder (um die ich mir wirklich Sorgen mache). Er macht u.A. Geld mit, wie hat er das genannt? Opportunistische Immobiliengeschäfte oder so. Immobilien kaufen, die runtergekommen sind, sanieren, sehr teuer vermieten oder verkaufen. Also so was richtig Soziales. Besonders charmant lief mir das rein, weil neben ihm eine Freundin von mir saß, die was wirklich Heilsames macht: Massagen, von denen sie nicht leben kann, weswegen sie noch in zwei fetten Villen für irnzwelche Bonzens putzen geht. Fast jeden Tag. Das Geld reicht trotzdem nicht so wirklich. Ich sagte ihr, wie unfair ich das finde, und sie sagte „Ja mei, der arbeitet eben hart…“ „Wie bitte? Du hast doch gehört, womit der sein Geld verdient,“ sag ich, „er hat’s doch eben erzählt!“ „Ach, das hab ich nicht so mitbekommen…“
Da haben wir die zivilisatorische Trance. Wenn einer viel Geld hat, dann hat ers natürlich auch verdient, weil er so hart arbeitet.

Der Typ hat an dem Tag hauptsächlich viel geprahlt (er war mit seiner Yacht gekommen. Wirklich, den Rhein längs), und richtig hart hat er gesoffen. Weil er eine andere Freundin (und ihren Mann) beeindrucken wollte, die sich zu seiner Verwunderung nicht auf seinen Schoß setzen wollte, zog er im Laufe des Abends dann supermachomäßig vom Leder. Es fing damit an, dass er erzählte, dass er sich ne Waffe besorgt. Dazu machen er und seine Nachbarn/Kumpels/was weiß ich nen Jagdschein, weil, anders darfste ja in Deutschland keine Waffe besitzen. Auch so eine linke Schweinerei. Und dann werden diese schwarzhaarigen Untermenschen ausm Orient weggelatzt, die sich hier breit machen, und Deutschland wird befreit. Ja, und die Machtübernahme steht bevor. Meint er. Das meint er wirklich, und er will dabei mitwirken. Das hat er vor.
I kid you not, solche Sachen hat der gesagt. Er hat sich gesteigert, erst dachte ich, der lässt so AfD-Parolen von sich; mit der Zeit wurde mir klar, dass der da weit drüber raus ist. Mir wurde dann auch klar, warum er immer versucht hat, meinen alten Vater zum Singen abartiger Pimpfenlieder zu bewegen. Und der meint das ernst.

Jaja, das wär vielleicht sogar was für den Verfassungsschutz, nur waren alle besoffen (nur ich nicht, hab nix getrunken), der Depp hat diesen Scheiß nur vor mir und zwei andern rausgelassen (die meisten haben das nicht mitbekommen). Manches hat er auch nur mir gesagt. Jo, die Welt ist bunt, und ich treff also im Wohnzimmer meiner Stiefmutter einen echten, widerlichen Neonazi.
Achja, und nicht, dass ihr meint, der wär politisch motiviert. Oh nein, was der will, ist Dicke Hose, der Herrenmensch sein und Rumballern. Der will Leute abknallen, da hat der Spässken, und dazu hat er halt den perfekten ideologischen Überbau gefunden.

Oke, nu ist es endlich raus, Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die sind halt unter uns, und die, die’s wirklich ernst meinen und auch was durchziehen, die sind in Gesellschaftsschichten unterwegs, wo die meisten von uns nicht sind…
Wenns dann mal in Deutschland Ballereien und/oder nen Putschversuch geben sollte, dann wurdet ihr, die ihr das hier lest, zumindest vorgewarnt…

Und ich war trotzdem dankbar an dem Tag:

Es hat schrecklich geregnet und war kühl in Köln, und ich hatte für die Feier extra nen Rock mit, der viel zu leicht war für das Wetter. Und keine Jacke. Und meine Schuhe hatten sich aufgelöst. Die hatte ich jahrzehntelang (ja, ca. 20 Jahre) aufgehoben und geschont, und die Gummisohle hat sich einfach aufgelöst, weil diese Schuhe nicht darauf angelegt waren, jahrelang zu existieren. Typischer Kommerzschund, und typisch Steinbock, ein paar Schuhe jahrzehntelang zu schonen…
Jedenfalls: mein Mutter hat mich gerettet, indem sie mir ein anderes paar Schuhe geliehen hat, und sie hatte ein Wolljackett, das ich zur Jeans tragen konnte und das mir erstaunlicherweise supergut gestanden hat. Damit sah ich richtig ungewohnt schick aus (viel besser als mit dem Rock), mochte mich trotzdem selbst noch leiden, UND sie hat es mir geschenkt. ❤

Tatsächlich was zum Dankbarsein im Zusammenhang mit dem Dödel: Ich bin ihm gegenüber sehr deutlich gewesen — als einzige von den drei Leuten, die sich das anhörten; und zumindest eine hat sich dafür später mehrmals bei mir bedankt. Ich bin dabei trotzdem nicht aggressiv geworden. Das ist erstaunlich. Früher hätte ich mich so aufgeregt, dass wahrscheinlich was kaputt gegangen wäre. Ich bin wirklich, wirklich dankbar, dass ich cool geblieben bin. Ich hab den bloß ausgelacht. Es ist zwar einerseits so gar nicht lustig, weil der das wirklich ernst meinte. Andererseits schon, weil der Mann so schrecklich dumm ist, so wenig peilt, so leicht zu durchschauen ist und sich wahrscheinlich eh in paar Jahren totgesoffen hat.

SCHLUSS JETZT DAMIT! Es war sehr schön, so viele Leute wiederzusehen. Vor allem eine ganz alte Freundin (naja, sie ist 3 Jahre jünger als ich und sieht blendend aus). Jetzt haben wir Mailkontakt. Mit der hatte ich an dem Tag auch Gespräche mit Tiefe und Inhalt. Das war sehr gut.

Ich bin dankbar, dass ich nichts getrunken habe. Nur Wasser. Das war auch mal anders…

Abends mussten meine Ma und ich kein Taxi zum Hotel in Furunkelstadtteil nehmen, weil supernette Leute uns noch hingefahren haben.

Hotelzimmerkram

 

Sonntag, 2. Juli

Das war der Tag der Heimfahrt. Ich bin mit grauenhaftem Kopfweh aufgewacht, das sich am Tag vorher schon bemerkbar gemacht hatte, doch im Gewimmel des Gewühls der Feier nicht so in den Vordergrund trat. Am Sonntag wars nicht mehr zu ignorieren. Es ging mir richtig elend. Kurz dachte ich, ich hätte vielleicht Migräne. Dann, dass es die ungesunden Vibes von Köln wären, und das Klima dort. Ich hatte ja letztes Jahr in Köln auch so fieses Kopfweh. Doch ich konnte spüren, dass es vom Nacken ausging, und ich vermute, es kam hauptsächlich von den dicken harten Hotelzimmerkopfkissen. Jedenfalls habe ich wirklich sehr gelitten und so konnten Ma und ich leider auch nicht mehr zum Abschiedsfrühstück zu Däd und Stiefma. Stattdessen sind wir gleich zum Bahnhof gefahren.

Dort, am Bahnhof und Domplatz, waren wir noch im Früh (Brauerei und ehrliche Touriekaschemme). Ich habe den ersten Kaffee des Tages getrunken und einen Halven Hahn gegessen. En Halve Hahn ist zwar nicht vegan, doch sehr, sehr lecker.

Fahrt nach MA ging ratzfatz, nett mit meiner Ma unterhalten, freundlich miteinander (das ist bei Müttern und Töchtern ja auch nicht immer der Fall…), der Schnusel hat uns am Bahnhof abgeholt und dann waren wir endlich wieder daheim in LU. Wir haben meine Ma im Hotel eingecheckt (sie wollte ins Hotel), und das war – im Gegensatz zu dem Hotel in Köln – ein freundliches, elegantes, sehr angenehmes Hotel an einem schönen Ort.

Ich war SO DANKBAR, wieder daheim zu sein! Mein Kopfweh war noch da und doch gleich viel besser. Hier war die Luft klarer und der Himmel voller Vögel. Und kein Regen – in Köln hatte es die ganze Zeit geregnet. Und Nazimist hab ich seit dem auch keinen anhören müssen.


aufm Bahnhof in Köln

 

Heute.

Heute habe ich das Bedürfnis, zu erwähnen, dass auch viele Dinge passieren, für die ich überhaupt nicht dankbar bin. Siehe oben. Meine Kamera spinnt, das ist MIST. Wir denken viel an den Termin beim Anwalt übermorgen. Und so dies&das.
Wenn ich hier meine Dankesammlungen aufschreibe, dann finde ich manchmal, dass die ein bisschen ein falsches Bild vermitteln. Als wär hier alles supertoll und heile Welt.
Das Dankbar-Sein tut mir gut, es ist heilsam, ich find das eine feine Sache und ich mach weiter damit. Und doch ist es nicht die Ganze Wirklichkeit. Ich werd jetzt bestimmt keine „Was alles Mist ist“-Listen machen, ich wollte das nur erwähnen, weils —
weils wahr ist.

Heute bin ich froh:

Ich bin unglücklich aufgestanden. Die letzten Tage bin ich gar nicht richtig wach geworden, alles war körperlich anstrengend, heute hab ich verpennt und bin nicht in die Schule gegangen, obwohl ichs wollte, das hat mir auch auf die Laune geschlagen. Und die Gedanken an den Anwaltstermin. Das alles hat mich deprimiert, und im Laufe des Tages ist es irnzwie besser geworden. Ich hab meine Mitte wieder bisschen gefunden, es ist auch wirklich abgekühlt, weswegen ich körperlich nicht mehr so am Ende bin ~ ich bin einfach dankbar, dass es mir jetzt, abends (naja, es ist inzwischen nachts… 22:55 h) viel viel besser geht als heute morgen. Physisch und psychisch.

Wir haben hier noch ein Zimmer, das soll mal Gäste- und Arbeitszimmer werden. Noch ist es grässlich vollgestopft mit meinen Anziehsachen – ich hab mich noch nicht durchringen können, noch mal paar Hunnies für einen Kleiderschrank auszugeben. Dann viel Flohmarktzeugs und anderen Kram, der in den Kellerraum soll, der uns versprochen wurde. Derweil haben wir halt nur dieses Zimmer als Abstellkammer (Mein Ma hätten wir bei mir im Zimmer einquartiert, wo es sehr schön ist). Jetzt hat es mir der Schnusel immerhin so weit freigeräumt, dass ich an den Schreibtisch kann. Seit paar Tagen steht kein Computer mehr in meinem Zimmer, weswegen es dort jetzt noch schöner ist, und ich sitze hier viel besser. Darüber bin ich sehr froh!

Ich hab grad in mein Reinschreibebuch geguckt, ob ich da heute noch was notiert habe wg. Danke. Hab ich tatsächlich:
„♥Nelly ♥Molly ♥Schnusel ♥Mangold“. Achja, heute gabs wieder ne Ernte Mangold vom Balkon, und ich finde, selbst immer noch und immer wieder erstaunt: Ich kann wirklich gut kochen. Zumindest für meinen Geschmack. =) Und der Schnusel mag’s auch. ❤

Und das reicht für heut.
Morgen ist compfreier Tag. Ich hab zwar paar Stunde gut; ich denke, ich werd die aufheben.
Falls jemand bis hierhin durchgehalten hat:
Danke für die Geduld und das Interesse♥. Bis übermorgen!

Mein neuer Wirkungsbereich an Comptagen. Das ist nicht der neue Drachenbaum.

 

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