Norm

völlig normal

Liebe Gemeinde!

Ich hab einen Beitrag im Kopf, der sich beim Vorformulieren die ganze Zeit schon wie das Wort zum Sonntag anhört. Na dann.

Liebe Gemeinde,

als ich heute Morgen nach meinem Termin beim Arbeitsamt — Die hat auch eine Geduld mit mir, die nette Beraterin da! — als ich auf dem Weg vom Arbeitsamt an einer Kirche vorbeikam, da fiel mir an der Mauer nebendran ein Graffito auf.

Vorher fiel mir noch ein anderes Graffito auf, das meine Gefühle auf dem Weg zum A-Amt durch die Neckarstadt und die Quadrade an diesem goldüberpuderten Herbstmorgen adäquat zusammenfasste:

Und wie niedlich der winzige weiße Falter im A!
Aber ich komm ausm Predigen. Zurück auf die Kanzel.
Hier das Graffito an der Mauer neben der Kirche:

Ist das so?
Das ist wohl so.
Weil das, was normal ist, nicht normal  ist.
Nicht normal  im umgangssprachlichen Sinne.

Mit ’normal‘ wird im täglichen Sprachgebrauch meist ‚gesund‘, ‚angemessen‘, ‚richtig‘, ‚gut‘ und dergleichen gemeint.

Tatsächlich aber ist das Normale einfach nur das, was der Norm entspricht.
Und das ist, wenn es um gesellschaftliche Normen geht, meist weder gesund, noch angemessen, noch richtig, noch gut.
In so einer Welt ist es dann auch wirklich normal, dass wir uns verloren fühlen.

In Wirklichkeit ~

Ich konnte immer wieder feststellen, dass die Welt – damit meine ich jetzt nicht das, was wir oft mit „der Welt“ verwechseln, nämlich unsere westliche, kapitalistische Zivilisation, sondern die WELT. Die Wirklichkeit, das was IST.
Ich kann immer wieder feststellen, dass die Welt zwar unberechenbar ist, aber nicht feindlich. Und dass ich ein Teil von ihr bin. Mittendrin, eingebettet.
Das sind sehr schöne Momente, die ich leider noch nicht so oft erlebe.
Immer dann, wenn ich und meine Realität mit der Wirklichkeit im Reinen sind. Wenn mich kein schlechtes Gewissen plagt, keine verinnerlichten Erwartungen anderer, wenn mich keine Normen ersticken und ich mir auch grad mal keine Sorgen um die Zukunft mach.
Dann kann das Hier&Jetzt zu mir durchsickern, und dann durchströmt mich eine Freude, bei der auch ein Schmerz dabei ist, Liebe, Dankbarkeit und das Wissen um die Ungewissheit der Wirklichkeit. Ein Ziehen, ein Staunen.

Heute hatte ich so Momente nach dem Termin beim A-Amt, wo ich neuerdings hemmungslos aufrichtig bin. Seit ich das übe – aufrichtig zu sein – seitdem geht es mir besser und besser.

Und in solchen Momenten weiß ich, dass es überhaupt gar nicht normal sein muss, dass wir uns in der Welt verloren fühlen. Das es normal sein muss, dass wir uns so fühlen, wie oben beschrieben: im Hier&Jetzt verankert, Teil der Wirklichkeit. Im Glück der Ungewissheit und der Liebe.

Besser kann ichs nicht beschreiben, und ich hab echt noch viel zu üben, damit ich solche Momente OFT habe. Vielleicht immer. Ich vertraue darauf, dass das der wirkliche Normalzustand ist, für uns alle. Und dass wir in den letzten Jahrtausenden sehr vom Weg abgekommen sind und jetzt wieder dahin zurück finden. Ich denke, das ist unsere Aufgabe in unseren interessanten Zeiten: den Weg zu bahnen. Da eine Erkenntnnisse, hier eine Handlung, jetzt ein Moment. Kleine Schritte, einer nach dem andern.

Amen und Aye!