Nous Sommes Unis

Traum

Den Traum hatte ich gestern Morgen, da hatte ich keine Schule und bin nicht grad früh ausm Bett gekommen. Der Wecker ging zwar, weil ich mich daran gewöhnen möchte, jeden Tag wieder früher aufzustehen, aber ich hab dann noch mal kurz die Augen zugemacht, und als ich sie wieder aufschlug, wars halb 10. Oje X)

Den Traum hatte ich zwischen Weckerklingeln und Aufwachen, in dieser leichten Schlafphase, wo wir oft und viel träumen und uns meist auch gut daran erinnern können.

Der Traum war ganz kurz, nur eine Szene. Voll mit Emotionen, die ich sofort erkannte als das, was mir immer wieder durch den Leib fährt, wenn ich z.B. Nachrichten gucke oder auch nur so über die Auswirkungen unserer Zivilisation nachdenke.

In dem Traum lag ein männliches Kind am Boden, ein Kind an der Schwelle zum Jugendlichen. Zusammengekrümmt. Um den Jungen herum standen Soldaten mit Waffen, sehr modern, mit diesen runden Helmen, wie die halt so aussehen. Sie waren mächtig und gewalttätig, und er war ohnmächtig, ihnen ausgeliefert, er litt.
Mein Impuls war, den Jungen zu retten. Es war mein Traum, da kann ich sowas machen. Ich holte ihn weg.
Aber ich war darüber nicht froh, es war nichts besser. Es war klar, dass die Soldaten und andere Soldaten diesen Jungen wieder einfangen werden, und auch andere Menschen. Ich hatte den Jungen aus dieser einen schlimmen Situation gerettet, aber nichts war wirklich anders dadurch. Ich war nicht froh.

Dann hab ich was anderes gemacht, etwas, worüber ich in dem I Ging Buch gelesen habe, von dem ich zur Zeit so viel erzähle. Das, was ich da lerne, ist jetzt bis in meine Träume gesickert; ich finde das gut.
Denn:
Ich hab mich nicht der Traurigkeit und Angst ergeben, die ich immer noch spürte, weil ich nicht wirklich hatte helfen können, sondern ich hab etwas Neues versucht. Ich hab mich an die Soldaten gewandt, das heißt, an etwas in ihnen, das erreichbar ist für solche Anliegen. An „den Weisen, der jedem von uns zur Seite steht“ – so sinngemäß steht es in dem Buch. An die Instanz, die uns zur Heilung verhilft (ich glaub, ich würde das Inneres Wesen nennen), die mit der Quelle / dem Kosmos in Verbindung ist. Ich habe mich an die Soldaten gewandt und NEIN zu ihrem grausamen, unheilsamen Handeln gesagt. (So wirds im Buch empfohlen 🙂 )
Achja, und dann hab ich, auch nach Anleitung, die Helfer der Transformation gebeten, uns allen zu helfen, heiler zu werden.

Jaja, das liest sich grässlich esoschwebbsich. Aber:

Dann ging es mir sofort besser und der Traum war vorbei.

Mir ging es auf eine so tiefe, im Leib gespürte Weise besser, dass mich das immer noch froh macht, wenn ich mich daran erinnere. Weswegen ich das jetzt auch aufgeschrieben habe, ums weiter zu geben.

Jo. Wollt ich erzählen.

Tout est pardonné

Daran muss ich immer denken. Ich bin froh, dass unser Fernseher zur Zeit nicht geht. Wir hatten heute Putztag, und ich hab zwischendurch mal schnell Mails gecheckt. Frankreich und Paris wurden erwähnt, so selbstverständlich, als müsste ich wissen, worum es geht. So ahnte ich Schreckliches.

Ich bin froh, dass unser Fernseher nicht geht, denn ich möchte nicht darüber nachdenken, was sich in der Konzerthalle abgespielt hat – oder was für eine grauenhafte Adrenalin-Horror-Energie einen Mann durchströmt, der weiß, dass er bald gewaltsam sterben wird, und dabei so viele mitzunehmen gedenkt, wie nur möglich.

Ich möchte auch nicht darüber nachdenken, was das jetzt für politische Folgen haben kann. Wenn ich phantasielos, aber logisch weiterspinne, komme ich in ein Szenerio, in dem die Mörder gewonnen haben. In dem sie uns dahin gebracht haben, wo sie uns haben wollen. Dort, wo sie selber sind.

Nein.

Ich mag, was Amazon heute macht. Sie haben die Französische Flagge auf ihrer Seite, und ein Wort: Solidarité.

Kein „pray for“ (es soll ja Leute geben, die nicht religiös sind), keine Flagge auf Halbmast, kein schwarzer Balken. Auch kein Gegen, kein Ab- und Ausgegrenze. Nein. Solidarité. Zusammen.

In der Mittagessenputzpause haben wir noch mal über das Titelbild von Charlie Hebdo gesprochen, das nach den Morden an den Redaktionsmitgliedern erschienen ist. Der weinende Mohammed, die Worte „Tout est pardonné“ – Alles ist vergeben. Ich hab auch weinen müssen. Die einzig angemessene Reaktion. Charlie Hebdo, dieses freche, alberne Blättchen, solche Größe!

Es mag sein, dass wir durch solche Schockereignisse dahin kommen, dass wir neue Wege gehen müssen, uralte Wege. Dass wir nicht so reagieren, wie erwartet, sondern sagen Jetzt erst Recht! Charlie Hebdo, so höre ich, hat heute empfohlen, mit Musik, Küssen und Champagner das Leben zu feiern.

Zusammen.

 
 

Der Eingang der Halle der Vereinten Nationen wird von einem Zitat von Saadi (ca. 1200-1290) geschmückt.

بنی آدم اعضای یک پیکرند
که در آفرينش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عضوها را نماند قرار
تو کز محنت دیگران بی غمی
نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibes von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

 

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