Röckdöts

Shöppen

Ich war mal bei einem spirituellen Lehrer, der sprach oft über Verzicht.
Vor allem über emotionalen Verzicht – z.B. bezüglich der Suche nach der perfekten Beziehung. Dass das alles Quark sei (meine Worte), dass eine Beziehung keine Lösung, keine Rettung, keine Erfüllung sei. Dass wir, statt auf der Suche danach Zeit und Energie zu verschwenden, besser Verzicht üben sollten.
Einmal sagte er – und da stimme ich ihm aus ganzem Herzen zu -:
„Wenn sich hier und jetzt all Ihre Wünsche erfüllen würden, Sie wären trotzdem nicht glücklich.“

Ja, da hat er recht. Wie das I Ging sagt: Du kannst die Stadt wechseln, aber du kannst nicht den Brunnen wechseln.
Die Erfüllung unserer Wünsche macht uns nicht glücklich.
Nur durch den Kanal zu unserer eigenen Quelle kann wirkliches Glück fließen.
Wobei „Glück“ sowieso nur ein Wort ist, und unsere Vorstellung davon hier&jetzt nur ein Konzept, das mit der Zeit an Wichtigkeit verliert, je mehr wir in unsere Mitte und in die Wirklichkeit kommen. (Wie C.G. Jung sinngemäß sagte: Auf die wichtigsten Fragen des Lebens können wir niemals eine Antwort finden – wir können nur aus ihnen herauswachsen.)

Aaaber. Hier&Jetzt, in meinem unerleuchteten, irdischen Zustand, möcht ich doch mal eines sagen zum vielgepriesenen Verzicht:

Aus dem Mangel heraus sich alles verkneifen zu müssen, das ist kein Verzicht.
Das ist einfach nur Mangel.

Genau dazu gibt es eine sehr schöne Zen-Geschichte – hehe, ich hab sie schon einmal hier auf WP erzählt, in einem Kommentar zum Thema Verzicht. Na, hier noch mal:

Ein Meister hatte einen wunderbaren Schüler, der übte auf die passende Weise und war klug und weit fortgeschritten, und doch kam er nicht zum Satori; er erlangte die Erleuchtung nicht.
Der Meister nahm diesen Schüler mit auf eine Reise. Und wie sie auf der Straße gehen, zeigt der Meister auf ein wunderbares Anwesen am Berghang in der Ferne und sagt:

“Du bist als Findelkind zu uns ins Kloster gekommen und hast dich immer nach deinem eigenen Zuhause gesehnt. Dieses Anwesen dort ist dein Zuhause. Ich schenke es dir.”
In diesem Moment erlangte der Schüler die Erleuchtung.

Da kann ich mir noch so oft einreden, dass ich eigentlich gar nicht brauche, was ich mir so sehnlichst so lange schon wünsche. Erst wenn ich die Wahl habe, dann kann ich mich für den Verzicht entscheiden.

Wenn ich zum Beispiel darunter leide, dass ich keine Beziehung eingehen kann, dann ist die Lösung des Problems nicht, zu beschließen, dass ich keine Beziehung brauche und keine will.
Dazu kann ich mich erst entschließen, wenn ich beziehungsfähig bin.

Dass ich da natürlich dran zu arbeiten habe: an meiner Beziehungsfähigkeit, und nicht daran, den perfekten Partner zu finden, das sollte klar sein. DAS muss ich tun.

Verzicht ist da keine Lösung, wo Mangel herrscht.

 
Anderes, schlichteres Beispiel zu Konsumverzicht: Ich wollte mal superdringend ein Notebook von Alienware, und dann gabs im Kommerzstore ein runtergesetzes, das ich mir super hätte leisten können. Und dann habe ich beschlossen, dass ich das Dings nicht wirklich brauche und mir lieber einen 2ndhand Computer kaufe. Alienware interessiert mich seitdem nicht mehr, und ich schreibe das hier auf dem alten Büro-Notebook meines alten Jobs, das ausgemustert wurde und das ich für genau 10.-€ bekommen habe. Kann alles, wunderbar. Auf den Alienware-Schischi habe ich aus der Fülle verzichtet. Freiwillig.

Und was hat das mit Shöppen zu tun?

Was IST Shöppen?!?

Shöppen ist shoppen mit RöckDöts, und Röckdöts sind Rock’n’Roll, und Rock’n’Roll ist gut! Gesund. Nuff said.

Shöppen geht so:

Manchmal, wenn ich von der Schule nach hause schlendere, und die Sonne scheint, und ich so durch die Quadrate stromer und streife, da komme ich an vielen grauenhaften und vielen sehr schönen Läden vorbei. Und ich hab natürlich immer Geld in der Tasche, wg. Lebensmitteleinkaufen, und dann bekomme ich manchmal Lust, mir was Schönes oder zumindest was Lustiges zu schenken. Ihr kennt das Gefühl bestimmt auch.

Früher hab ich auch immer was gefunden, irnznen billiges Deko-Teil, ein presiwertes Buch, Bürobedarf, generische Schilder, ne Schweinerei zum Essen oder sogar mal ein Kleidungsstück, oder oder oder. Das war Shoppen.
Heute, beim Shöppen, streif ich durch die Läden, erfreue mich an dem nachgemachten Vintage-Geschirr, den echt hübschen Blümchenmusterklamotten, dem sinnlosen aber wirklich lustigen Spülschwämme-Halter, den tollen Filzstiften mit Piselspitze und diesem und jenem und sellem, und dann sag ich aus tiefstem Herzen: NÖ. Brauch ich alles nich!

Und dann geh ich fröhlich heim, ohne was gekauft zu haben. Und fühl mich dabei genauso gut wie – oder gar besser als – damals beim Shoppen.

Das ist Shöppen.

 

 

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Rezi (bzw. Abschlussarbeit) zu Blue Öyster Cult: „Imaginos“

Beschreibung einer Initiation

Blue Öyster Cult, klar. Kenn ich.

Hab weiland in den 80ern sogar ne Platte von denen gekauft, ‚Club Ninja‘. Wasn grottiges Cover, war mir richtig peinlich beim Bezahlen. Andererseits dachte ich, Heavy Metal, das is cool.
Da war ich 17, und die Scheibe kaufte ich, weil ich einen Song im Radio gehört hatte, der mir heute noch Glückstränen in die Augen treibt: „White Flags“.
Den Rest der Platte fand ich dann nicht so toll.

Damals, wegen dieser Platte (die ich genau einmal durchgehört habe, und dann nur noch das erste Lied, das allerdings oft, oft, OFT), dachte ich, BÖC seien so ne Pop-Rock Band (was ich damals noch für Metal hielt) wie Van Halen oder so.

Reichlich Jahre später begegnete mir der „More cowbell!“-Sketch mit Christopher Walken**, und damit konnte ich das hübsche Lied „(Don’t fear) the Reaper“ auch BÖC zuordnen. Das war nun eher kein Metal… Seltsame Band.

Jo, und so verbrachte ich weitere Jahre in zufriedener Unwissenheit, bis mir, es ist vielleicht einen Monat her, ein glühender BÖC-Verehrer (Der Initiatör) die ‚Imaginos‘ aufdrängte. Zusammen mit Bergen an Information zur Entstehung, Geschichte, Besetzung und Handlung des Albums — Namen, die ich nie gehört hatte, Dinge, die ich nie hatte wissen wollen. Begriffe wie „Wall of Sound“ und „Konzeptalbum“ (ARGH!) fielen. Es gab Versuche, die Musik zu beschreiben – rockig, strange, bombastisch — sie ließen mich ahnen, dass die Scheibe mich außerordentlich nerven würde.

Trotzdem ließ ich mich auf ‚Imaginos‘ ein. Nicht nur dem Initiatör zuliebe, sondern auch, weil die Geschichte des Protagonisten Imaginos/Desdinova, der ‚die Welt zu einem Rendevous mit ihrer Bestimmung‘ führen soll, mich interessierte.

Doch wie ich es erwartet hatte: einmal gehört fand ich die Musik größtenteils grauenhaft. Anstrengend. Fast nur unerträglich.

„I am the one you warned me of“ – das klingt, als würden in rhythmischen Abständen Wolkenkratzer umkrachen. Schwerfällig und stampfig – oke, weiter in der Mitte wirds dann doch sehr groovig, die Gitarren gehn ziemlich ab… es ist nicht GANZ schlecht.

Der ’seven seven seven‘ Song ist ein recht netter Rocksong.

Der Cthulhu-Song danach ist wirklich lustig. Ich werde warm.

Und dann kommt „Del Rio’s Song“ und ist eine so grauenhafte Mischung aus seichtem Refrain und anstrengenden Strophen mit Geräuschbergen, dass ichs gar nicht glauben kann. Was SOLL das?!? Das ist ja UNerträglich!

Dann kommt die „Siege“, und die ist so seltsam, anstrengend und… faszinierend… Diese unglaubliche männliche Rockröhre* will jetzt den hohen Ton zu fassen kriegen… wird er es schaffen? Er setzt an, er HAT ihn! UND WIE! Und dann, wie vom Initiatör angekündigt, dieser subtile Übergang von Aggressivität zu Melancholie… World without end… Es gruselt mich. Auf eine gute Art.

„Astronomy“ ist ein hübscher, gefälliger, treibender Song, an dem ich wenig auszusetzen habe.

Aber dann holt mich „Magna of Illusion“ gleich wieder runter. Dazu hat mein Initiatör mir auch schon einiges erzählt, er steht voll drauf. Mir kommt der Song zerrissen und bisschen unbedarft vor. Eher ein Hörspiel.

Dann das „Blue Öyster Cult“ Lied… „Ladies, Fish & Gentlemen“, das ist launig, oke. Ansonsten dudelt es so dahin, mal richtig hübsch und dann wieder stampfig. Nerven tuts mich.

Zum Schluss kommt das „Imaginos“-Lied, und ich frag mich, auf welchem Seichtgewässer-Schiff ich gelandet bin. Grausig, ganz ganz grausig.

Ich erstatte Bericht.
Seltsam, seltsame Platte. (Das ist höflich für ‚NERVEND!‘) Mögen tu ich sie gar nicht. „Astronomy“ ist oke, mit dem Öyster Cult Song werde ich überhaupt NIEMALS warm werden, und „Del Rio“ und „Imaginos“ sind so dämlich, dass ichs gar nicht fassen kann. Überhaupt strengt mich die Platte an. Nur der Frankenstein Song… der hat was, irgendwas hat der…

‚So gings mir am Anfang auch‘, sagt mein Initiatör. ‚Ich hab sie mir zig mal anhören müssen‘, sagt er. ‚Hab Geduld, hör dich rein, lass es wirken.‘

Dann erklärt er mir, dass die Plattenfirma die Reihenfolge der Songs verändert hat, und er gibt mir eine andere Reihenfolge (wie in den liner notes beschrieben).

Jetzt beginnt die Oper mit der Ouvertüre und Einführung des Hintergrundes: „Les Invisibles“ (Schick, die singen sieben Mal hintereinander „seven“, und das sieben Mal.), gefolgt von dem ‚Vorhang-auf, hier kommt „Imaginos“‚-Lied, das mir in dem Zusammenhang nicht mehr nervig, sondern eher frech rüberkommt.
Dann macht sich Del Rio auf die erste Reise, und dieser dämliche Happy-Refrain ergibt einen grausamen Sinn. Und was für ein wundervoller Zwischenteil, und wie böse das Lied endet.
Dann liege ich plötzlich im warmen Wasser, die Sonne brennt, Austernbetten, flauschig wie Daunen, die Öyster Boys are swimming now, und zum Schluss dieser hammermäßige Bassgroove, von dem die Gitarre abhebt – alles ist gut –
Nein, nichts ist gut, da kommt Desdinova, der Oberfiesling, und er verkauft mir die neue Techno-Droge: World without end…und mein Meister ist ein Monster.
Ich muss immer breiter Grinsen.
Dann bin ich plötzlich wieder am Meer, am Strand, und jetzt ist es kalt geworden. „Astronomy“ ein winderfüllter, treibender Traum mit filigranen Gitarrenriffs weht mich in Weiten, weiter, ich bin in Cornwall als Grandpa den Schwarzen Spiegel nach Europa holt.

Und dann bricht die Erzählung ab. OH NEIN! Da sollten doch noch zwei Alben folgen!

Naja, darüber kann ich jetzt lange hadern. Lieber beschäftige ich mit dem, was wir haben. Ich höre das Album fast jeden Abend zum Einschlafen und entdecke immer neue, funkelnde Adern in der Wall of Sound. Nichts nervt mehr, alles ergibt einen Sinn. Inzwischen wurde ich vom Initiatör mit anderen BÖC-Songs vertraut gemacht, u.A. natürlich „Subhuman“ und dem alten „Astronomy“. Ich kann nicht sagen, welche der Versionen mir besser gefällt, es sind verschiedene Songs, eigentlich nicht zu vergleichen. Auch ‚Imaginos‘, das, wie ich höre und lese, von vielen als die Essenz von Blue Öyster Cult angesehen wird, ist m.E. gar kein wirkliches BÖC-Album, sondern ein Projekt (Lebenswerk?) von Albert Bouchard und Sandy Pearlman. Im Gegensatz zu den ‚richtigen‘, alten BÖC-Sachen, die ich jetzt erst nach und nach kennenlerne, ist es viel… ja, steriler, hat viel mehr 80er-Feeling, ist weniger warm und weniger … unmittelbar. Wie auch nicht, da es mit so vielen verschiedenen Musikern über einen so langen Zeitraum nach und nach zusammengemischt wurde.
Andererseits trieft es, soweit ich das beurteilen kann, doch von BÖC-Essenz: genremäßig nicht wirklich einzuordnen, very strange, mit oft kryptischen, seltsam berührenden Texten. Und was mir beim ersten Hören gleichzeitig sperrig und seicht, anstrengend und nervig-gefällig vorkommt, entpuppt sich, wenn ich mich darauf einlasse, als absolut stimmig durchkomponiertes Hörstück, mit Groove, Feeling, Schmerz und einer Menge schrägen Humors.

Achja, und es rockt.

Danke Initiatör! Danke, Blue Öyster Cult, Sandy Pearlman und allen andern!
Was ne seltsame Bänd.


Anmerkungen:

Zunächst mal: Der Text oben ist ungefähr ein Jahr alt. Das Album habe ich damals, wie beschrieben, täglich gehört, dann lange nicht, und in letzter Zeit gehts mit wieder im Kopf rum. Ich hörs grad. Tut gut!
Und so fiel mir auch der Text wieder ein.
Ich hatte ihn ursprünglich als Rezi bei Dings reingestellt, aber dort hab ich meinen Account gelöscht.
Drum jetzt hier.

Aus der deutschen Wikipedia:
Das Konzeptalbum Imaginos, 1988 veröffentlicht, sollte eigentlich ein Soloalbum des langjährigen Schlagzeugers Albert Bouchard werden. Die Plattenfirma wollte es jedoch lieber als BÖC-Album veröffentlichen, woraufhin die anderen Mitglieder der Urbesetzung an Bord geholt wurden und mit ihrem langjährigen Manager und Urheber der „Imaginos-Saga“ Samuel „Sandy“ Pearlman die Produktion des größtenteils fertigen Albums ohne Albert Bouchard zu Ende führten. Von Fans und Kritikern wurde das Werk nach seiner Veröffentlichung sehr zwiespältig aufgenommen und gehört bis heute zu den polarisierendsten Alben der Band.

In der englischen Wikipedia ist ein eigener, sehr guter Artikel zu dem Album.

  • Joey Cerisano
    Er ist kein Metal-Rocksänger (schade eigentlich) und hat auf Imaginos ’nur‘ einen furiosen Gastauftritt.

** Der „More Cowbell“-Sketch ist so berühmt, dass er in der englischsprachigen Wikipedia einen eigenen Eintrag hat.
Leider ist er online nicht am Stück zu finden, außer, zur Zeit, in dieser vom Fernseher abgefilmten Version.
Schon wieder weg, drum doch kein Link. Der Sketch wird hochgeladen, geblockt, wieder hochgeladen… Sucht einfach selbst danach, vielleicht habt ihr Glück.

Hier eine Seite, auf der Scans des kompletten Covers zu sehen sind.

Hier eine Playlist auf Youtube, die die Songs nicht wie auf der LP sondern in einer anderen, sinvolleren Reihenfolge abspielt. Wobei Astronomy zu früh kommt. (Aber das Video der Playlist läuft eh nicht, bei mir zumindest nicht. Hier ist es nachgeliefert.) Und die Soundqualität lässt zu Wünschen übrig, und ich kann mir fast nicht vorstellen, dass jemand über YouTube auf diese Platte abfährt… Trotzdem wollte ich unbedingt zu der Musik linken.

Wie alles begann: The Albert Bouchard „Imaginos“ Demo Tape Full Album – Blue Öyster Cult

Subhuman

Astronomy – die erste Version
Achdumeinegüte, das Lied wurde auch von Metallica gecovert! Warum?!? Whoa is das SCHLECHT! Die lassen auch nix in Ruhe, außer, in einem Schub von Erkenntnis, die Sachen von Jaguar.
Classic Rock Magazine: „Why haven’t Metallica covered a Jaguar song yet?“
Lars Ulrich (Metallica): „When we’re good enough we’ll do it.“

Und da ich grad so schön am Abschweifen bin: Lesenswert diese Rezi (deutsch) zum 2014er Album von Jaguar „Metal X“. Ein super Album!

Achso, noch eine wichtige Info: Blue Öyster Cult haben die röckdöts erfunden!