schwere See

schwere See und tiefe Zeit

… Brainstorm vor dem Vollmond…

Die letzte Woche war und ist hier wieder schwere See, innen und außen. Innerlich und privat wird es seit zwei Tagen besser, dafür grad im ‚Außen‘, zusätzlich zum alltäglichen Entsetzen, was frisches Großes zum Beschäftigen, Angst haben und unendlich traurig sein. Darüber ist in den Nachrichten genug, ich kanns mir hier sparen.

Mein Gefährte und ich haben uns am Wochenende so dermaßen gestritten – die Anlässe so dämlich, dass ich sie nicht mal erklären könnte – dass ich entschlossen war, auszuziehen.
Dann Annäherung, Liebe, neue Wege, mein böser kalter Eisberg zum Schmelzen gebracht, viele viele Tränen. Ich laufe zur Zeit oft über. Schwere See.
Ich habe das Gefühl, wir kommen Schicht um Schicht um Schicht weiter und tiefer richtung Mitte. Alte Krusten lockern sich, durch erste Risse fällt Licht und blendet meine Dämonen – das mögen die nicht.

Bei mir geht jetzt langsam der Chiron-Return los, auf den Susanne von Godharma-Blog mich im Rahmen einer Beratung aufmerksam machte.1

Mein Geburts-Chiron steht in den Fischen und auf der Suche nach mehr Information dazu habe ich im Netz einen Text von Mai 2010 gefunden, durch den mir ein paar Dinge klarer geworden sind. Im Hinblick auf mein inneres Erleben und ebenso im Hinblick auf das, was uns alle hier&jetzt auf der Erde betrifft:

Eintritt von Chiron ins Fische-Zeichen –

Die Umwelt ist ein weiteres Thema, das uns mit Chiron im Fische-Zeichen besonders beschäftigen dürfte. Aufgrund der Zweigesichtigkeit Chirons  – einerseits Zerstörung, andererseits Heilung – ist es leider nicht auszuschliessen, dass Naturkatastrophen an Anzahl und Intensität zunehmen werden. Chiron in Fische kann eben auch die Verwundung der Natur bedeuten. Genau dies ereignete sich am Tag des Ingresses von Chiron in das Fische-Zeichen am 20 April 2010. Es war der Tag, an dem die Bohrinsel “Deepwater Horizon“ explodierte und 2 Tage später im Meer versank. Seitdem tritt das Rohöl in 1500 Meter Meerestiefe ungehindert in den Golf von Mexiko und sorgt dort für eine der grössten Ölkatastrophen in der Geschichte.

Achjaaa – da war was gewesen. Fast ein Jahr vor dem 11. März 2011, als die Fukushima-Katastrophe geschah.
Ölpest, Plastikmassen, Radioaktivität, mei, dann kann man ja bald gar keinen Fisch mehr essen! Schlimm, schlimm.
Aber viel schlimmer sind diese ganzen Ausländer, die hier ins Land strömen, alles islamische Terroristen-

Sorry, ich dreh wieder auf. Wer dem Link oben gefolgt ist, findet dort auch diesen Satz: „Häufig fühlen wir uns in dem Bereich, in dem Chiron in unserem Geburtshoroskop steht, ohnmächtig und dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Daraus kann eine unglaubliche, alles ergreifende Wut entstehen.“

Wut? Moi?!?

Aber darum solls diesmal nicht gehen… Nicht schon wieder. Das geb ich morgen ins Transformationsnetz. Jetzt will ich üben und weitergehen.

Ich hab nämlich noch eine andere Seite zum Chiron Return gefunden, die ich sehr faszinierend finde, und gleichzeitig dazu habe ich begonnen ein Buch zu lesen: „Falling Upward“ von Richard Rohr.

Als mein Gefährte und ich, wund und weich, vorgestern am Esstisch saßen und endlich wieder aus unseren Herzen miteinander sprachen, da fielen ihm zwei Bücher ein, die er vor paar Jahren mal bestellt hat. Von einem amerikanischen Franziskaner Mönch und Priester, Richard Rohr. Er hat diese Bücher entdeckt, als er nach „Sufismus“ suchte – seltsame Wege des Internets – und erinnerte sich jetzt wieder daran, weil Rohr in „Falling Upwards“ vom treuen Soldaten erzählt, den wir zu Beginn unserer zweiten Lebenshälfte entlassen müssen.
Er erzählt da (und ich erzähls jetzt in meinen Worten aus dem Gedächtnis nach), dass nach dem zweiten Weltkrieg manche Gemeinschaften in Japan ihre heimgekehrten Soldaten in einer langen Zeremonie geehrt haben, ihnen gedankt und alles, und dann sei einer der Alten aufgestanden und habe gesagt „Der Krieg ist jetzt vorbei. Leg deine Uniform ab und deine Waffen, und sei wieder Mensch, sei wieder Teil unserer Gemeinschaft.“

Und mein Gefährte und ich, wir haben in diesem treuen Soldaten unsere Dämonen erkannt (so weit wir sie schon kennen), diese Verhaltensmuster und Autopiloten, die uns zu bestimmten Zeiten unserer Jugend bewahrt haben vor Auslöschung, Vernichtung – und dass wir sie jetzt nicht mehr brauchen. Ich habe z.B. einen sehr starken Stolz-Soldaten der all die Jahre mein ach so wackliges Ego beschützt hat. Ich hab ihm gestern gesagt, dass ich ihm danke, und dass der Krieg jetzt vorbei ist. Dann musste ich erst mal weinen.

In dem Buch „Falling Upward“ kommt auch ein wunderbarer Begriff vor: deep time – tiefe Zeit.
Rohr meint damit die Zeit, die größer ist als die kleine Realität, in der unser Ego sich befindet. Menschen, die in Deep Time leben, wissen um die Vergangenheit und leben, indem sie die Zukunft auch für ihre Nachkommen im Blick haben. Rohr erwähnt dazu das Handeln im Interesse der nächsten sieben Generationen bei einem Indianderstamm, und dazu hab ich grad das gefunden, was das Konzept der Deep Time wunderbar erklärt:

ANI TSALAGIHI AYELI – Das Volk und die Nation der Cherokee | Arbeitskreis Indianer Nordamerikas

“Die cherokesische Vision der Erde, des Universums, der Vergangenheit und der Zukunft ist ein ewigwährender Kreis. Was heute wahr ist und was noch vor uns liegt ist Teil eines unendlichen verschmolzenen Bandes, an dem die Vergangenheit ebenso lebendig ist wie die Gegenwart. Heute haben wir den gebrochenen Kreis wieder geschlossen, nicht nur für uns und unsere Kinder, sondern für die nächsten sieben Generationen. Dies entspricht unserem Sinn für eine immerwährende Gemeinschaft“.

Tiefe Zeit.

Ich finde, das ist genau das, was ich mit Wirklichkeit meine – im Gegensatz zur Realität. (Im HEXIKON werd ich beide Begriffe diesbezüglich noch erweitern.) Deep Time ist sozusagen das Große Hier&Jetzt. The Long Now.

Faszinierenderweise ist auf der oben kurz erwähnten Seite zum Chiron Return auch die Rede von einem andern Zeitkonzept. Der Autor nennt das dort Chiros, und so wie ich das verstehe, meint er damit dasselbe, wie Rohr mit der Deep Time. Hier ist die Seite (englisch): http://www.zanestein.com/chironreturn.htm

Rohr ist absolut christlich und hat nichts mit Astrologie am Hut, und er sagt, er habe todkranke Kinder kennengelernt, die schon in der zweiten, weisen Lebenshälfte waren, und er kenne leider reichlich Leute in den 60ern und älter, die noch adoleszent seien. Diese „zweite Lebenshälfte“ hat also nicht zwingend mit unserem Alter zu tun. Und doch ist die Zeit des Übergangs in der Regel so zwischen 40 und 50, und Ende 40 haben wir alle unseren Chiron-Return, manche bisschen früher, andere später…

Ganz grob und platt gesagt: Chiron transformiert durch Leid, durch die Wunde, die wir selber nicht heilen können, an der wir nicht kratzen sollen. Chiron-Auslösungen sind oft Zeiten, da wir einfach nur aushalten müssen – einfach nur dasein, auch für andere vielleicht – während innen die Umwälzungen geschehen.

„Falling Upward“ („aufwärts fallen“) hat diesen Titel, weil Rohr darin erklärt, dass wir alle fallen müssen, um zur Reife zu gelangen. Und das greift nahtlos in das, was ich über die Logotherapie gelernt habe, nur eben von der anderen Seite. Frankl zeigt, dass wir auch in großem Leid durch SINN, durch Werte, durch ein FÜR ETWAS heil bleiben (oder werden) und Freude finden können. Und Rohr sagt, dass wir den SINN durch die Krise, durch den Kontrollverlust, durch Leid: durch den Fall erst finden.

Das passt auch zusammen zu meiner Erfahrung in den paar A-Gruppen (12-Schritte-Programm), die ich mal besucht habe. Die Kapitulation, den Ersten Schritt zu vollziehen, das Eingeständnis des völligen Scheiterns, das war wirklich der erste Schritt zu Heilung. Rohr erwähnt das auch – wie nicht! – in dem Vortrag zu „Falling Upward“, den ich unten verlinkt habe.

Das erinnert mich auch an einen Zettel, den ich mal an einer Kneipentür gesehen hab. Das war eben zu der Zeit, als ich die A-Gruppen besuchte, weil es mir wirklich wirklich richtig schlecht ging. Als ich den Zettel sah, musste ich so lachen, dass mir die Tränen kamen. Das war ein sehr schönes Gefühl, weil ich zu der Zeit sowieso so viel geweint habe. Das war endlich mal eine andere Sorte Tränen. Auf den Zettel stand:

 

When you fall
I’ll be there

~ Floor

 


 

Hier Mr. Rohr in Person zu eben dem Buch, das ich grad lese. Hammer: katholisch, Ami, hat ne Männerbewegung ins Leben gerufen, so einer enstsprach zu meinen hardcore feministischen Zeiten meinem absoluten Feindbild. Was er sagt, hätte mir damals schon sehr gefallen, aber ich hätte ihn mir halt nicht angehört.
Hehe, ja, wie Volker Pispers sagt: „Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tach Struktur.“
Und, wie Rohr eingangs erklärt: Solche Strukturen und Abgrenzungen sind gesund und wichtig für die adoleszente Person. Und dann geben wir sie auf, weil wir sie nicht mehr brauchen.

 

 


 

1 Achnee, wie ich das schreibe und nach der Site-Adresse zum Verlinken gucke, finde ich die aktuelle 2-Wochen-Astrovorschau zum Vollmond von ihr. Hm, erst anhören, oder erst den Artikel schreiben? Erst schreiben, sonst hab ich noch mehr Input zu sortieren…
(Inzwischen hab ichs mir angehört und bin sehr froh darüber 🙂 )