SINN

Werte

Mir ist grad was klar geworden. Ganz was Persönliches.

Aus dem Input, den ich in letzter Zeit bekomme, hat sich etwas herauskristallisiert. Zutaten zu dem, was ich grad in meinem Kessel gefunden habe, waren u.A.
· Die Erfahrungen und die Erkenntnis neulich (Artikel „Zeitströmungen„).
· Eine sehr schöne Meditation, die gegen Ende des (kostenlosen, englischen) ‚Einsteigerkurs‘ der Guardian Alliance kam
· Ein Video von Teal Swan mit dem 0815-Ratgebertitel „The Secret to a happy Life„. Ich hätt ja nie ein Video mit so einem Titel geguckt, wenn ich nicht durch Links von Sólveig auf diese junge Frau aufmerksam gemacht worden wäre. (Z.B. hier — ein sehr gutes Video!).
· Meine große, tiefe Freude beim Rübstilkochen.
· Überhaupt die große Freude, die von ganz innen kommt, die ich verspüre, wenn ich meine Öllichter pflege, meine Milch selbermache, mein Gemüse nur noch lose kaufe, süße und salzige Pöppel herstelle, Stofftaschentücher verwende, mein selbstgemachtes Deo auftrage – all sowas. Dazu habe ich Artikel hier und im VETCHBLOG geschrieben.
· Meine schönste Kindheitserinnerung: Wir waren 3 Mädchen, so ca. 12 Jahre, schätze ich, zu besuch bei einer Freundin meiner Mutter, in deren Haus in der Lüneburger Heide. Wir sammelten Blaubeeren und fädelten sie auf Grashalme, und wir bastelten uns Puppen aus Ästen, Gras und Blättern.

Endlich bin ich drauf gekommen, was mich wirklich glücklich macht: Selbstversorgung. Ich habe so ne Ahnung, dass ich gar nicht in der Stadt, sondern in einem lebendigem Stadt-Dorf sehr naturnah leben will. Das wurde mir in meiner Herkunftsfamilie nicht vermittelt, und doch stelle ich hier&jetzt erstaunt fest, dass es wahr ist.

Und da kam die Alte vor der Jurte in meinen Sinn.

Eine alte Frau hockt vor einer Jurte in einer total leeren Landschaft. Uta H.-S. sagte, so was Leeres, ohne jedes Leben, habe sie noch nie erlebt. Die alte Frau kratzt mit einem Stock heilige Zeichen in den Sand, die niemand sieht. Ob der Vergeblichkeit ihres Bemühens frustriert, genervt, erbost, wirft die alte Frau den Stock schließlich hin und stapft hinter die Jurte, wo Hühner scharren. (Ohje, jetzt erwürgt sie die Hühner, dachte ich, als ich das hörte.) Die sie füttert. (Uffz!) Ärgerlich, aggressiv schmeißt sie den Hühnern das Futter hin.
Und am Himmel statt der Sonne eine riesige Uhr.

Ich hab bis eben gedacht, diese Alte muss dringend mit ihrer Jurte wandern, in die Stadt, wo Menschen sind. Dort soll sie ihre magischen, heiligen Zeichen malen, auf dem Marktplatz, damit die Leute sie endlich sehen und was lernen und die Alte endlich nicht mehr allein ist und ihr Leben einen Sinn bekommt.

Jetzt grad ist mir endlich klar geworden, dass es nicht ‚andere Menschen‘ sind, denen die Alte was beibringen muss, sondern ICH bin das. ICH muss – ich will und mag! – von der Alten lernen und ihre Zeichen lesen können. Niemand sonst. Und die Alte muss nicht umziehen mit ihrer Jurte, sondern ich muss bei ihr einziehen, damit wir diese öde Steppe fruchtbar machen.
Vielleicht kommen dann Karavanen bei uns vorbei.

Und jetzt muss ich erst mal was essen.


veganes „Rührei“ aus Polenta mit Räuchertofu, Pilzen und Zwiebeln

Wayne Shorter & Herbie Hancock Pen an Open Letter to the Next Generation of Artists

Grad einen Link bei John Coulthart gefunden, das möcht ich auch verlinken. Ein offener Brief von zwei Jazzmusikern.
Untendrunter habe ich nur die Zwischenübershriften aus dem Text kopiert.

Wayne Shorter & Herbie Hancock Pen an Open Letter to the Next Generation of Artists – Nest HQ

FIRST, AWAKEN TO YOUR HUMANITY

EMBRACE AND CONQUER THE ROAD LESS TRAVELED

WELCOME THE UNKNOWN

UNDERSTAND THE TRUE NATURE OF OBSTACLES

DON’T BE AFRAID TO INTERACT WITH THOSE WHO ARE DIFFERENT FROM YOU

STRIVE TO CREATE AGENDA-FREE DIALOGUE

BE WARY OF EGO

WORK TOWARDS A BUSINESS WITHOUT BORDERS

APPRECIATE THE GENERATION THAT WALKED BEFORE YOU

LASTLY, WE HOPE THAT YOU LIVE IN A STATE OF CONSTANT WONDER

Brainstorm nach dem ersten MondMeeting

Hier mein Mondblümchen
(Muss niemand lesen, bloß ich muss es schreiben.)

Hab mich gefreut, hier zu einer andern Mondmedi zu lesen:
Dunkelmond im März – Morgenstern´s Abenddämmerung
Schöne inspirierende Anrufung an Cerridwen, für mich berührend und stimmig.

Ausgelöst wurde mein Entschluss, diesen MondRing (für den ich noch einen schönen Namen suche) ins Leben zu rufen, durch Beschäftigung mit dem Thema Vertrauen, wo ich es finde und wie ich ihm folge.

Angestoßen, das zu tun, wurde ich durch den ganzen Input, der in der letzten Zeit zu mir gekommen ist.
Der Input kam durch wunderbaren Unterricht in der HPΨ Schule zu Humanistischen Therapiemethoden, speziell zu Gestalttherapie (bin schon lange ein Fän vom alten Fritz [Perls]), Bioenergetik und Logotherapie.
Durch Blogbeiträge hier.
Dann kam ein Link zu einem Video von Derek Sivers, das uns hier begeistert und inspiriert hat. Im Zuge des Weiterlesens berührte mich Why I don’t want Stuff und ein wichtiges Werkzeug wurde beschrieben, der innere Kompass.

Gut Compass

Schlicht auf deutsch: Wenn die Vorstellung einer Sache dich begeistert: Tu es. Wenn die Vorstellung dich aussaugt, dich müde und kraftlos werden lässt: Lass es!

Da geht es natürlich nicht darum, nur noch aufregende Sachen zu machen. Wasser holen und Ecken auskehren ist immer.

Es geht darum, von andern nur noch das anzunehmen, was uns begeistert. Sich auf nichts mehr einzulassen, das uns nicht entspricht. Und das spüren wir, indem wir auf unseren inneren Kompass achten. (Dazu passt wunderbar der grad eingetroffene neue Artikel Wie die Blumen auf einer Wiese | Leben im Wandel)
Zur Begeisterung, auf die unser innerer Kompass reagiert:
Sie kommt auf, wenn wir auf etwas für uns Sinnvolles anspringen.
Diese Begeisterung fühlt sich befreiend an und aufregend. Nicht zu verwechseln mit Gier und ‚Bock auf‘ und sowas.
Dazu passt etwas, das ich in meinem Lehrbrief gelesen hab, ich gebs so gut ich kann in meinen Worten wieder:

Viktor E. Frankl (Logotherapie) stuft das Streben nach Lust als pathologisch ein. Symptom für einen Mangel an Sinn.

Der Wille zur Lust tritt erst dann auf den Plan,
wenn der Mensch in seinem Willen zum Sinn leer ausgeht.

Sinnvolles Handeln bringt immer Lust mit sich, sagt er, sie sei aber nicht der Grund, nicht der Antrieb.

In Wirklichkeit ist Lust nicht das Ziel unserer Strebungen,
sondern die Folge ihrer Erfüllung.

Während der Mondmedizeit – Mondzeit… im MondRing… während der 9 Stunden halt
hab ich ein I Ging geworfen, und ich war voller Vertrauen, dass ichs annehme oder nicht, je nachdem, wie’s mir in den Kram passt. Und dass ich ganz sicher nur eins werfe.

Es kam 18 Die Arbeit am Verdorbenen / Die Ursachen des Niedergangs beseitigen (3) und wurde, ich musste verschämt lachen, zu 4 Die Jugendtorheit. Du schon wieder!

Dabei fand ich u.A. bemerkenswert:

☯ „Nicht nach Ergebnissen Ausschau halten, wenn die Arbeit getan wird.“ Passt zur Mondmedi.
☯ Das Große Wasser zu durchqueren ist die Arbeit, die wir leisten, wenn wir uns von der Realität des kollektiven Egos frei machen.
Also wenn wir unserem inneren Kompass folgen, übersetz ich mir.
Wenn wir und auf diesen Weg machen, werden wir unterstützt.

Dazu habe auch andere geschrieben, eine hat dieses Video gepostet:

Dann kam ich andernorts dazu, noch eine Erklärung zum MondRing zu schreiben, bei der mir selber was bewusst wurde:

Die Anregung zum Spüren, was grad ist und das abgeben habe ich dazu getan, weil das immer möglich ist. Das kann ganz schnell ganz tief gehen und ist eine Form der Zentrierung und Reinigung.
Zentrierung und Reinigung halte ich persönlich – bei aller Freiheit – angemessen zu solchen Anlässen.
Also, ich seh das so: je aufrichtiger, desto leichter der Zugang zum Netz.

Jo. Soweit. 🙂 Neue Themen kommen, das Thema Achtsamkeit macht sich hier bei mir aufdringlich bemerkbar… Und auch Überlegungen zum „Des vom Vater Verdorbenen“ und Schuldgefühlen (I Ging). In der HPΨ Schule mit Systemischen Therapien angefangen. Und zu Bioenergetik will ich noch was schreiben.

Demnächs~  Jetzt ein Song für Hermes – Tales of an Urban Priestess

Lala lala lalalala

Logotherapie und Existenzanalyse

Ich wollte unbedingt was zu Logotherapie schreiben. Was jetzt kommt, ist das, was ich mir gemerkt habe oder aus dem gemacht habe, was ich im Unterricht gehört hab.

In der Logotherapie besteht der Mensch aus drei Teilen. In der Schulmedizin sind wir Körper, in der Tiefenpsychologie Körper und Seele. In der Logotherapie kommt noch eine Dimension dazu.

KÖRPER
Vitalität, körperliche Funktionen, Symptome, Erkrankungen

PSYCHE
bewusst ~ unbewusst
Kognition, Verstand, Verhalten, psychische Erkrankungen

GEISTIGE PERSON
bewusst ~ unbewusst
Sinngefühl, Wertegewissen, Herzensweisheit, Intuition („Bauchgefühl“)

Das find ich auch faszinierend, weils ein bisschen dem Drei-Instanzen-Modell von Freud ähnelt, dem Es (Triebe), dem Ich (Bewusstsein) und dem Über-Ich (Moral, Normen, Regeln).
In dem Modell muss das Ich zwischen den andern beiden Kräften balancieren, die so oft gegeneinander wirken.

Im Modell der Logotherapie haben wir statt des Über-Ichs: Intuition, Bauchgefühl, Wertegewissen. Wertegewissen. Was für ein schönes Wort, was für eine Macht.
Überich zerfällt zu Staub in diesem Licht.

 
Jeder Mensch ist absolut einzigartig.

Zitat aus dem Unterricht – ich weiß leider nicht mehr, wer das gesagt hat. Wahrscheinlich Frankl selbst, der Begründer/Entdecker der Logotherapie:

„Wenn ich zwei Menschen mit dem gleichen Therapieplan behandle, dann habe ich mindestens einen falsch behandelt.“

 
Notizen aus dem Unterricht:
„Hauptschlagader der Logotherapie“:
Weg von mir selbst hin zu jemandem oder etwas. (SINN)
Selbstdistanz und Selbsttranszendenz.
Die Geistige Person ist unzerstörbar und nur in eine Richtung durchlässig:
zur Psyche hin.
Die Geistige Person ist „nicht übertragbar“.
Werte als Straßen zum SINN
Gelebte, verwirklichte Werte geben etwas zurück: Sinnhaftigkeit.

 
edit:
der Kommentar von gann uma hat mich erinnert: das soll hier keine Anleitung zum Selbsttherapieren werden – die folgenden Fragen zu den jeweiligen Wertekategorien gehen schon in Richtung Praxis, ich geb sie hier wieder, weil sie außerdem sehr schön klar machen, was jeweils gemeint ist.
Und, das muss ja wohl klar sein – das ist hier nur der winzige, bescheidene Eindruck von Logotherapie, der bei mir nach sehr wenigen Unterrichtsstunden angedockt hat, mehr nicht.
Und nu weiter. 🙂

 

Drei Straßen zum SINN – von Frankl benannte Wertekategorien.

ERLEBNISWERTE
SCHÖPFERISCHE WERTE
EINSTELLUNGSWERTE

Erlebniswerte:
Was bereitet mir Freude?
Bei welchen Erlebnissen geht mir das Herz auf?
Was genieße ich?

Schöpferische Werte:
Worin bin ich wirksam?
Wo erschaffe ich etwas?
Worin bin ich kreativ?
Meine Talente?
Manche schöpferischen Werte können auch bei den Erlebniswerten schon erschienen sein. Z.B. Trommelzirkel: Es geht mir das Herz auf, wenn ich in einer Runde trommle und der Funke überspringt und wir zusammen Musik machen. Erlebniswert.
Ich trommel mit andern und gebe den Bassteppich: Schöpferischer Wert.
Dabei kann das, was bei den Schöpferischen Werten erscheint, auch überhaupt keinen besonderen Spaß machen. Regelmäßig Wohnungputzen gehört hier auch rein. „Das Sinnvolle ist nicht immer das Angenehme.“

Einstellungswerte:
Was musste ich an Unveränderlichem ertragen?
Wie gehe ich mit Leid, Schmerz und Krankheit um?
Wo wachse ich über mich hinaus?

So jetzt knall ich das einfach so hier hin, und will auch noch zur Website des Dozenten linken, mit etwas strukturierterer Info…
und der uns das so außergewöhnlich gut nahe gebracht hat.

http://www.praxis-kaercher.de/index.html

🙂

Vertrauen bedeutet für mein Leben…

Puh. Komme grad vom heutigen Wörkschop zurück. Thema waren die humanistischen Therapiemethoden, die wir in drei Unterrichtseinheiten durchgenommen hatten. Gestalttherapie, Bioenergetik und zuletzt Logotherapie und Existenzanalyse.

Heute haben wir eine Eingangsübung gemacht. Entspannung, Visualisieren, mit einem Begriff zurückkommen. -> Mit einen Phänomen. Meins war „Vertrauen“.

Dann haben wirs in einer Partnerübung besprochen, dann haben wirs in einer Partnerübung modelliert: eine Körperhaltung finden, die sich zum Phänomen passend anfühlt.

So üben wir mit dem Verstand und mit dem Empfinden (Köper), dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

Dann haben wirs gemalt. Dann wurden die Bilder aufgehängt, mit einem Din A 4 Blatt darunter, auf das die anderen möglichst mit nur einem Wort schreiben sollten, was das Bild in ihnen auslöst.

Und dann sollten wir eine Geschichte schreiben mit der Überschrift [Mein Phänomen] bedeutet für mein Leben…, in der alle Begriffe, die die andern zu unserem Bild geschrieben hatten, vorkommen sollten.

Ich hatte im Verlauf dieses Workshops reichlich Gelegenheit, Vertrauen zu üben. Es gab ein paar Fügungen, wegen derer ich normalerweise schrecklich gehadert hätte. Nu will ich ja gar nicht normal sein, sondern heil, also habe ich geübt, mich vertrauensvoll der Herausforderung zu stellen und davon auszugehen, dass mir das Universum und seine BewohnerInnen nicht feindlich gesonnen sind… Ich habe auch Vertrauen geübt, als ich das Bild gemalt hab. Dass ich genug Zeit habe, fertig zu malen. Und das es nicht schön oder gut sein muss. Ich wollte, dass es vollständig ist, und fertig, und das wars.

Das Schreiben der Geschichte – bei mir eher eine Art Gedicht – entlang der Begriffe, die ich dann auf meinem Blatt fand, das war TOLL. Ein Puzzle zusammensetzen. Die Begriffe waren:

Fröhliches Dorf ~ Paradies ~ kindliche Freude / Kindheit erleben! ~ Fröhlich in der Natur leben ~ zu Hause ~ Leben in vollen Zügen ~ Märchenland ~ Kindheitsphantasie ~ schillerndes Leben ~ pralles Leben ~ Familie ~ bunt ~ Farbe ~ Träume ~ Idylle ~ Wohnmöglichkeit.

Ich glaub, ich habe doch paar Begriffe ausgelassen… Sie haben mich ausnahmslos alle berührt, und ich könnte wirklich oh tief und viel dazu schreiben. Dazu war die Zeit nicht. Hier das, was ausgelöst durch den ganzen Input dieser Tage und durch die Begriffe zum geschriebenen Text wurde.

 
Vertrauen bedeutet für mein Leben…

aus meinem inneren Märchenland
heraus aus dem verlorenen Paradies
das ich nur ahnen konnte.

In warmer Sonne, Gräserduft und Staub der Straße –
das zieht mich heraus aus der Kindheitsphantasie
dieses Sehen
hinein ins pralle Leben
ins schillernde Leben
ins Leben

in die Wirklichkeit

Keine Idylle – Idyllen sind schal und leer
meine Träume lassen mich erschöpft zurück
ich seh keine Wohnmöglichkeit für sie in der Realität

So verlasse ich die Familie
ich will Farben, ich will es bunt in der Welt
und fröhlich in der Natur zu leben
war mir nie gegeben
in den grauen Städten,
die bis zum Horzont reichen.

Das sind Realitäten.
NICHT die Wirklichkeit.

Kein fröhliches Dorf
nicht zuhause
nirgendwo

lebe ich doch in vollen Zügen
an den Rändern
wo es funkelt
wo die Wirklichkeit dräut und lockt

dort will ich sein

lebendige Heimat
nicht ortsgebunden
nur ans Hier
im Jetzt

SEIN

Vertrauen, dass ich finde
dass ich habe und bin:
lebendige Heimat
und so viel mehr
als ich mir hier&jetzt
vorstellen kann.

 

 
Jo, zu mehr bin ich hier&jetzt nicht imstande. Ich werde mehr zu Logotherapie schreiben. Zur passenden Zeit.

Das war schöner Unterricht, voller Wunder. Danke!

 

 

Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration

Berthold Brecht

Als er siebzig war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
und er gürtete den Schuh.

Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er abends immer rauchte
und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.

Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.

Doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
“Kostbarkeiten zu verzollen?” – “Keine.”
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: “Er hat gelehrt.”
Und so war auch das erklärt.

Doch der Mann in einer heitren Regung
fragte noch: “Hat er was rausgekriegt?”
Sprach der Knabe: “Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.

Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: “He du! Halt an!

Was ist das mit diesem Wasser, Alter?”
Hielt der Alte: “Intressiert es dich?”
Sprach der Mann: “Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!

Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?”

Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe, keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: “Auch Du?”

Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: “Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.” Sprach der Knabe: “Es wird auch schon kalt.”
“Gut, ein kleiner Aufenthalt.”

Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s soweit.

Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.

Bertolt Brecht

via Legende … | Gedichtauswahl begründet.

Weil ich grad Lao-Tse bisschen lese. 🙂