Solidarité

Tout est pardonné

Daran muss ich immer denken. Ich bin froh, dass unser Fernseher zur Zeit nicht geht. Wir hatten heute Putztag, und ich hab zwischendurch mal schnell Mails gecheckt. Frankreich und Paris wurden erwähnt, so selbstverständlich, als müsste ich wissen, worum es geht. So ahnte ich Schreckliches.

Ich bin froh, dass unser Fernseher nicht geht, denn ich möchte nicht darüber nachdenken, was sich in der Konzerthalle abgespielt hat – oder was für eine grauenhafte Adrenalin-Horror-Energie einen Mann durchströmt, der weiß, dass er bald gewaltsam sterben wird, und dabei so viele mitzunehmen gedenkt, wie nur möglich.

Ich möchte auch nicht darüber nachdenken, was das jetzt für politische Folgen haben kann. Wenn ich phantasielos, aber logisch weiterspinne, komme ich in ein Szenerio, in dem die Mörder gewonnen haben. In dem sie uns dahin gebracht haben, wo sie uns haben wollen. Dort, wo sie selber sind.

Nein.

Ich mag, was Amazon heute macht. Sie haben die Französische Flagge auf ihrer Seite, und ein Wort: Solidarité.

Kein „pray for“ (es soll ja Leute geben, die nicht religiös sind), keine Flagge auf Halbmast, kein schwarzer Balken. Auch kein Gegen, kein Ab- und Ausgegrenze. Nein. Solidarité. Zusammen.

In der Mittagessenputzpause haben wir noch mal über das Titelbild von Charlie Hebdo gesprochen, das nach den Morden an den Redaktionsmitgliedern erschienen ist. Der weinende Mohammed, die Worte „Tout est pardonné“ – Alles ist vergeben. Ich hab auch weinen müssen. Die einzig angemessene Reaktion. Charlie Hebdo, dieses freche, alberne Blättchen, solche Größe!

Es mag sein, dass wir durch solche Schockereignisse dahin kommen, dass wir neue Wege gehen müssen, uralte Wege. Dass wir nicht so reagieren, wie erwartet, sondern sagen Jetzt erst Recht! Charlie Hebdo, so höre ich, hat heute empfohlen, mit Musik, Küssen und Champagner das Leben zu feiern.

Zusammen.

 
 

Der Eingang der Halle der Vereinten Nationen wird von einem Zitat von Saadi (ca. 1200-1290) geschmückt.

بنی آدم اعضای یک پیکرند
که در آفرينش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عضوها را نماند قرار
تو کز محنت دیگران بی غمی
نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibes von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

 

Nous Sommes Unis
https://secure.avaaz.org/de/paris_solidarity/?cAlPUhb