Tschernobyl

Die Angst vorm Tod

Als ich 18 Jahre alt war und noch zur Schule ging und bei meinem Vater in Köln-Rodenkrichen wohnte –

Wir wohnten in so einem typischen Vorort, wie es ihn in fast allen Städten gibt. Kleinere Straßen, Ein- und Mehrfamilienhäuser, Vorgärten, Koniferen und Bambusgrasbüschel. Garagen und Parkplätze am Haus. Da wohnen Leute, die gut verdienen. Ich mag solche Gegenden nicht. Für mich sind sie steril und tot.

In dieser Umgebung vegetierte ich so vor mich hin.
Ich fühlte mich einsam, hässlich und das Leben war Sache der anderen. Ich hatte keinen Teil daran und solche Sehnsucht.
Das Fatale war, dass ich gar nicht wusste, wo das Leben ist, das ich wollte. Ich sah davon wenig bis nichts in der Realität, die ich für die Welt hielt.
Manchmal fand ich Spuren, denen ich nur zaghaft folgte. Sie führten in Gebiete, die anrüchig waren. Oder/und sie machten Mühe. Meditieren zum Beispiel. Ich hatte mich damals zur Zen-Buddhistin erklärt und deswegen öfters Zoff mit meinem Vater, der fand, ich würde in einer Sekte landen. Weia.

Woran ich dagegen zu dieser Zeit Anteil hatte, großen Anteil, das war die bleierne Schwere der 80er. Angst vor AIDS, Atomkrieg und Umweltzerstörung.

In diesen wunderbar fruchtbaren Boden der Hoffnungslosigkeit, Deprimiertheit und Angst klatschte die Katastrophe Tschernobyl.

Ich fing an, nachts aufzuwachen. Mit einem Schlag hellwach. Vor mir das Nichts. Das Schwarze. Der Tod.
Das ging viele Nächte so. Ich lag im Dunkeln, alle schliefen, und ich versuchte das Entsetzen einzudämmen. Ich werde sterben. Ich werde tot sein Es wird NICHTS sein – NICHTS

Zu versuchen, das NICHTS zu begreifen, ist grauenvoll.

In diesen Nächten, da ich in nullkommanix aus dem Schlaf in hellwache Angst gerissen wurde, war mir danach, aufzuspringen und schreiend durch die Wohnung zu rennen.
Das tat ich natürlich nicht, weil, das hätte alle im Haus geweckt. Von denen hätte mir niemand helfen können. Außerdem rennt man nicht schreiend rum, mitten in der Nacht! Was sollen die Nachbarn denken?
Also rang ich den Impuls nieder und versuchte stattdessen, ruhig und regelmäßig und tief zu atmen. Zu akzeptieren, was mich quälte. Es anzunehmen. Ich fand, das sei der Zen-Mönch-Weg.

Das Ergebnis meiner Bemühungen war, dass ich nachts von Todesangst aus dem Schlaf gerissen wurde und schreiend durch die Wohnung rennen wollte.
Was ich nicht tat.
Stattdessen versuchte ich, ruhig und tief zu atmen, meine Angst zu bekämpfen („Angst ist Versagen und der Vorbote des Versagens“ flüsterte dazu Kleister, der alte Lebenskünstler), den Tod anzunehmen (is doch ganz normal, don’t fear the reaper…), das NICHTS zu begreifen-
ARHHHHRR! Ich will schreiend durch die Wohnung rennen!

Mit dieser Methode kam ich also nicht weiter.

Schließlich hab ichs begriffen. Das, was zu begreifen war. Nicht das NICHTS, das ist unbegreiflich, und es ist vermessen, sich dahin aufmachen zu wollen. Es führt zu Wahnsinn. Dazu fällt mir Lovecraft ein.

Schweife nicht ab, oh Troubadoura. WAS hast du begriffen, damals, als das unnenbare Grauen dich beutelte?

Ich habe aufgehört, mich mit dem Intellekt retten zu wollen und endlich begriffen, was gemeint ist, wenn spirituelle LehrerInnen vom Annehmen sprechen.
Ich hab aufgehört zu kämpfen.
Da bist du, Angst. Da ist Tod, da ist Nichts. Ich werde sterben und ich habe ANGST. Nimm mich, gibs mir, ich wehre mich nicht mehr.
Ich ließ den Atem los und die Kontrolle fahren~

Da ging etwas durch meinen Körper wie eine Welle, und dann lag ich im Bett, in meinem Zimmer mit den großen Fenstern, erhellt vom Licht der Straßenlampen, das durch den Garten des Vermieters hereinfiel.

Hallo Angst?
Wo bist du?

Naja, sie war weg.

 
Sie ist dann lange Zeit so nicht wiedergekommen. Manchmal regt sie sich, und ich kann jetzt damit umgehen. Nämlich gar nicht – umgehen. Stattdessen SEIN lassen. Kein Widerstand.

Außerdem ist mir etwas sehr Wichtiges aufgefallen.

Angst vorm Tod, sei es so dramatisch wie damals in den 80ern, oder auch nur schwelend, im Untergrund quälend, habe ich nur in Zeiten, da es mir schlecht geht.
Diese Todesangst ist dabei nicht Ursache, sondern Symptom.

Schlecht geht es mir, wenn ich nicht lebe. Wenn mich ausgeliefert fühle, eingefangen, ohne Kontrolle. Wenn das Leben in mir erstickt wird, dann kommt die Angst.

Darum denke ich, Todesangst ist ein künstlich erzeugtes Phänomen, das zu nichts gut ist, außer das Elend zu verstärken und unsere Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen abzuziehen.

Sterben ist wahrscheinlich kein Problem, wenns soweit ist. Der Tod ist kein Problem, er ist, und mehr weiß ich nicht. Das NICHTS kenne ich nicht.
Was mich Hier & Jetzt am Leben hindert, das ist ein Problem.

Über solche Probleme möchte ich jetzt nur etwas ganz Abstraktes sagen:
Es sind Monster, die ihr Eigenleben haben und nicht sterben wollen. Sie ernähren sich u.A. von Angst, und sie möchten nicht von uns wahrgenommen werden, sondern ungestört beiben. Manche befinden sich als Programme in uns selbst, viele durchseuchen unsere Zivilisation.

 

 

s.a. ACHTZIGER JAHRE