Varanasi

KALI

Ich möcht was erzählen von der Indischen Stadt am Ganges,
die ich im Fernsehen gesehen habe,
wie einen Traum.

Eine Stadt der Toten,
für die Gestorbenen, die niemals wiederkehren.
Dort verlassen sie das Rad der Wiedergeburt.
Ich glaube, es ist Varanasi ~ Benares.

Als ich die Stadt sah,
auf dem Bildschirm
ich auf dem Sofa vom meim Ex
allein in seiner Wohnung
in Passau
Als ich die Stadt sah
gings mir durch den ganzen Leib bis ins Knochenmark.
 

Diese Stadt am heiligen Fluss,
Necropolis
vollgestopfter, zugebauter Großstadtdschungel
unsagbar alt
weißgrau und schwarzgrau
wie aus Stein und Asche
und die Feuer, die Feuer am Ufer,
und wer gestorben ist und dort verbrennt
wird nicht wiedergeboren.

Und gegenüber am anderen Ufer
das karstige Land
dorthin geht niemand.

 

Und der blondschnäuzerte deutsche Filmmacher da durch wie Sigfried,
völlig naiv —

Der deutsche Filmemacher musste natürlich auf die andere Seite, die der Kali gehört, ins Totenreich,
wo niemand hin fährt.
Klar, da musste er unbedingt hin, dieser junge Mann, frei von Aberglaube.
Brauchte ne Zeit, niemand wollte ihm helfen.
Schließlich fand er doch tatsächlich einen, der bereit war, ihn überzusetzen.

Über den Ganges.

Hin zum karstigen Land.

Der Fährmann war ein Knabe, vielleicht fünfzehn, sechzehn. Völlig entrückt. Drogen? Visionen? Weiß nicht.
Der junge semmelblonde schnäuzerte Filmemacher hielt jedenfalls die Kamera drauf, beim Übersetzen.
Voll ins Gesicht des rudernden Knaben.
Und der war nicht da. Er ruderte, aber er war woanders.

Dann lief das Boot auf den Sand, am anderen Ufer
wohin niemand geht
das Totenreich
Land der Kali
Und da war bloß öder Sand und Steine und gar nichts los
gar nichts Tolles, keine gähnende Höhle, keine Monster
voll öde

bloß
diese drei kleinen Köter da
drei kleine wilde kläffende Köter
die kläfften und kläfften völlig irre waren die
ganz außer sich
griffen nicht an, regten sich auch nicht ab
kleine Köter, ganz ungefährlich
gar nicht lustig  gar nicht niedlich
der Semmelblonde hatte gar keine Angst
paar Schritte, graue Steine, Sand
kläffkläffkläfffgrrrKLÄFF
wie irre, wie verrückt
kläffKLÄFFgrrrrKLÄFFKLÄFFF

und der Semmelblonde machte keine weiteren Schritte ins karstige Land
wo nichts wuchs
bloß diese drei Hunde
sondern zuckte die Achseln
sagte sowas wie „sehr enttäuschend, hier ist gar nichts“
und trat schleunigst den Rückzug an
beunruhigt
bisschen nervös
denn da war ja gar nichts (kläffkläffgrrrrrkläffKLÄFF)

und so fuhr er
mit dem entrückten dunklen Knaben
wieder weg von dem Ort
wohin kein Lebender fährt

zurück auf unsere Seite

Am diesseitigen Ufer betete ein
Typ
Der hatte orangenes Tuch um die Lenden, lange Fingernägel und wirre Haare
Er wirkte eigentlich recht fit
er betete zu Kali: er rockte vor und zurück und schrie und wimmerte wie ein Baby
Er hatte den Dreizack der Göttin vor sich gesteckt,
Kalis dreizackige Gabel,
mit leuchtendem Orange geschmückt

Und ich glaube, er versuchte den Tod zu fassen. In seinem kleinen Körper.
Und sollte sich doch lieber mal die Haare aus dem Gesicht tun, damit er was sieht.

Vielleicht hatte er alles gesehn und wusste nicht mehr, wo hin.

Und der Filmmacher die Kamera drauf, und sagt, er weiß auch nicht, was der hat-
dieses Gebaren, diese Extase, ganz seltsam und fremd
exotisch halt, mystisch, ‚das verstehn wir nicht‘

Und ich guck mir den so an, da heulend und betend in Krämpfen am Strand gegenüber dem Reich der Toten,
in der Stadt wo du verbrannt und nicht wiedergeboren wirst
und ich guck mit den so an, junger dürrer Mann mit Bart und langen Fingernägeln
und ich sach dem so
allein, vom Sofa aus, in Passau, in Gedanken
sach ich dem:

Hey, Typ, Tod ist noch nicht dran.
Kümmer du dich um die Lebenden, du bist jung und gesund.
Schneid dir die Haare und die Fingernägel, du hast zu tun
gibt viel Arbeit, die Lebenden leiden Not
um das mit dem Tod und dem Ende der Wiedergeburten kümmer dich, wenn es so weit ist.
Dann wirds dich auch nicht beuteln.
Hier und Jetzt hast du anderes zu tun. Tu Gutes, pflege das Leben.

Wie ich das so denke, plöppt der Typ auf dem Bildschirm aus der Extase,
hört auf mit Schaukeln und Schreien,
guckt sich um, steht auf,
zieht seinen Dreizack aus dem Sand und geht

Das Universum ist Größer als wir, und es gibt Gegenden, wo sich die Dimensionen verbiegen. Das kannst du nicht fassen.
Und du musst auch nicht überall hin. Reläx, Mann!
Diese Stadt

Dort am Ufer macht mir Angst.
Ich konnte sie wirklich nicht fassen
Oder sie war mir zu vertraut, was weiß ich.
so vertraut, Nekropolis, die Stadt vor dem endgültigem Tod.
Den wir alle so fürchten.

Die grausame Kali.

Hier diese Stadt
Die ist doch von Menschen gemacht

Und dazwischen der Fluss, das tröstete mich.

Dazwischen der Fluss.

Das Universum ist Größer als wir, und es gibt Gegenden, wo sich die Dimensionen verbiegen. Das kannst du nicht fassen
Hier und Jetzt.
Und du musst Hier und Jetzt
auch nicht überall hin.

 

 

 

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